Archive for März, 2014


Motives for Writing

Mehr als nur Bäuche

Susanne hieß sie, die Kollegin, die da diese erstaunlichen Sachen hörte, auf der anderen Seite des Ganges. Ich hörte erst nur mit halbem Ohr hin, dann immer konzentrierter, und fragte mich, was das denn sei. Irgendwie dachte ich an mittelalterliche Musik, aber dafür war es dann doch zu modern – und nach ein wenig mehr Grübeln und Lauschen ging ich einfach rüber zu ihr. Susanne. Was sie denn da höre. Wim Mertens, sagte sie. Okay, aber was ist das? Neue Musik, sagte sie. So etwas ähnliches wie moderne klassische Musik. Hm, sagte ich nur, und setzte mich hin, um mir noch mehr anzuhören.

Das dürfte jetzt bald 20 Jahre her sein. Und das Album, das wir dort hörten, damals noch ganz mittelalterlich im Cassettenrecorder, das war eben dieses – „Motives For Writing.“ Und auch heute finde ich es noch großartig, wie viel Schönheit in diesen Stücken ist. Mertens ist faszinierend, und für jemanden wie mich, der kein Musiker ist, kein Komponist, ein Mysterium. Sie folgt klaren Regeln, die auf mich weit strenger und enger begrenzt wirken als die Regeln, nach denen populäre Musik komponiert wird, und doch ist sie in der Lage, eine Emotionalität zu erzeugen, die wirklich umwerfend ist.

Die meisten, die Mertens kennen, sind mit dem „Bauch des Architekten“ eingestiegen, dem großartigen Soundtrack zum Greenaway Film. Insbesondere unter Leuten, die in der Werbung arbeiten, ist diese CD die wohl am häufigsten verwendete, weil sie jedes mal mit in den Schnitt genommen wird, wenn man irgendwie tolle spannende emotionale bewegende Musik für Werbefilme haben möchte, die ohne diese Musik eben nur fade, beliebig, austauschbar wären. Millionen mal ist darauf geschnitten worden, Millionen mal sind Werbemusikkomponisten aufgefordert worden, etwas zu komponieren, das genau das gleiche ist, aber eben doch nicht ganz. Du weißt schon, Andi. So, dass keiner wegen Copyrights rumzicken kann.

Auch heute finde ich „Motives For Writing“ noch immer spannender und insgesamt bewegender als den Architektenbauch. Denn in letzterem gibt es bei aller Größe auch ein paar Sachen, die ich nicht hören muss, eben hauptsächlich die, die nicht von Mertens sind. Dieses Album hingegen ist von vorn bis hinten einfach zum Niederknien. Und da ist es auch egal, wenn man mir jetzt sagen will, Mensch, reiß dich mal zusammen, du bist Rezensent. Ja, bin ich. Das ist meine Rezension. Die Platte ist zum Niederknien. Punkt.

Aber ich will natürlich auch ein bisschen sagen, warum das so ist. Auch wenn es schwer fällt, das in Worte zu fassen. Ein schönes Beispiel ist der Anfang dieses Albums, das mit gerade einmal 1:45 Minuten geradezu winzige Stück Musik mit dem Titel „Watch!“ – scheinbar fast nur mit Bläsern eingespielt, allenfalls mit ein wenig Hilfe von Synthesizern, die wie Blasinstrumente klingen, hüpft es so flott und aufmerksamkeisuchend ins Gehör, dass man denkt man sei auf einem königlichen Kindergeburtstag. Und weil die Kinder schnell müde werden, ist auch schnell Schluss. Herrlicher Auftakt.

Mertens macht es einem nicht unbedingt leicht – in „The Personnel Changes“ lernen wir ihn auch als Sänger kennen, der mit einer sehr hohen Stimme singt und dabei eine von ihm entwickelte Fantasiesprache verwendet. Das muss man erst einmal akzeptieren. Wieder jede Menge Blasinstrumente, ein Synthesizer, der wie ein verzerrtes Spinett klingt, ein wenig barocke Strukturen, Klarinettenakzente, viele schöne rhythmische Varianten – ich werde schon hier das Gefühl nicht los, dass viele nur deswegen den Bauch des Architekten so sehr schätzen, weil sie dieses Album nicht kennen. Der Ideenreichtum dieses Stücks ist ein echtes Geschenk, es ist wie ein überbordendes Festival der Melodien, das für Stunden gereicht hätte, aber hier auf sieben Minuten kondensiert wird.

Die ersten Takte von „Paying For Love“ sind klassischer Minimalismus, Melodien, die von einem kleinen Bläserensemble in endlose Sequenzen immer gleich lang gespielter Noten eingearbeitet werden – ein wirklich faszinierendes Stilmittel, das ungeheure Konzentration und eine perfekte Atemtechnik der Musiker verlangt – man hört es an den Atmern, die schnell zwischen zwei der Noten geschoben werden. Darauf baut sich ein melancholisch majestätisches Thema auf, begleitet vom fast sehnsuchtsvoll singenden Mertens, der in seiner eigenen Sprache eine Geschichte erzählt, die wir nicht vestehen, wohl aber fühlen können – wäre klassische Musik immer so, ich würde den ganzen Tag nichts anderes hören.

Nach fast elf Minuten Erhabenheit setzt „No Testament“ einen belebenden Kontrapunkt – ein weiteres Fest der Harmonien, auf dem Boden eines tiefen Bläsersatzes, der ein Motiv spielt, das einem einen großen Schwung Optimismus verpasst, darüber helle Bläser, schnell, repetitiv, weiter antreibend, dann eine Militärtrommel, die noch unmissverständlicher zur Bewegung auffordert, und spätestens wenn der dritte Bläsersatz seine Melodien auf dieser Komposition verbreitet, ist man dabei, was immer es ist, es kann nur etwas sein, das die Welt besser macht.

„Words On The Page“ holt einen dann wieder auf den Boden zurück. Mit Harmonien, die ein wenig Zögerlichkeit ausdrücken, ein Überlegen, nicht wissen, als würde man den Titel des Stückes ernst nehmen, ein Blatt Papier, eine Botschaft, die zu formulieren ist, so vieles im Kopf, so vieles, das man sagen könnte, so viele Arten, es zu tun, wie sag ich es, wie schreibe ich es… Klassische Bläser, barocke Harmonien, Verzögerungen, Verlängerungen, Variationen und Metamorphosen, als wolle man verschiedene Formulierungen des zu sagenden ausprobieren, schauen, wie es klingt, nein, noch einmal zähes Grübeln, ringen mit einzelnen Worten – ein komplexes, durchaus auch anstrengendes, aber wirklich faszinierendes Spiel.

Zum Abschluss bringt „The Whole“ noch einmal alles auf die Bühne, was den optimistischen, lebensfreudigen, bewegenden Wim Mertens ausmacht. Fast könnte man meinen, dass Mertens sich hier ein wenig Inspiration in der irischen Volksmusik geholt hätte. Piccoloflöten, Klarinetten, Tuba, jede Menge weiterer Bläser, reich instrumentiert, ein richtig schönes Fest ist es, das eine wunderbare Platte feierlich beendet. Man muss ihn einfach lieben, den Mertens, und eindeutig für mehr als nur die Bäuche von Architekten.

WIM MERTENS – MOTIVES FOR WRITING – EMI CLASSICS – 50999 5173212 7 – 9/10

 

uwor

Nichts für Fans. Oder eben doch.

Das Problem mit Underworld Fans ist, dass viele von ihnen wirklich reine Underworld Fans sind. Wenn es nicht hemmungslos klopft und kein Karl Hyde zu hören ist, dann ist das doof. Aber gut, das ist beim Fan-sein eh immer das Problem – man begrenzt sich bewusst auf ein Thema, eine Spielart, einen Verein, eine Person. Und generiert damit in der ungesunden Konsequenz automatisch Feindbilder. Man schaue sich nur viele von den Reaktionen der „leidenschaftlichen“ Underworld Fans auf diese CD an. Unverständnis, Enttäuschung, Entfremdung.

Da steht schließlich Underworld drauf! Hallo? Und dann drückt man auf Play und dann kommt da so Jazz Kram. Rockt so gar nicht. Ich hatte mal das unverschämte Glück, ein Interview mit den beiden Herren führen zu dürfen. Selten habe ich mit so höflichen, neugierigen, respektvollen, musikalisch breit interessierten und klar denkenden Musikern gesprochen. Man hatte mich unter anderem gebeten, sie nach ihren fünf Lieblingsplatten zu fragen. Eigentlich mag ich so etwas nicht, es ist so eine lahme und vorhersehbare Frage. Aber sie fanden es prima. Nur zu gern.

Nicht weiter überraschend: Das Ergebnis waren fünf Alben aus fünf verschiedenen Musikrichtungen, ein paar Klassiker, ein paar ganz nagelneue Sachen. Kraftwerk, King Tubby, Jazz, wirklich bunt. Bei King Tubby fiel ihnen partout nicht der Titel des Albums ein. Kurz mal bei Darren Price angerufen und gefragt. Der wiederum nannte gleich drei Album Titel, es war ein lustiges kleines Titelraten in der Hotellobby.

Natürlich gibt es auch Underworld Fans, die gerade das lieben. Die wissen, dass die Band lange auch eine großartige Design Agentur leitete, und dass die Texte von Karl Hyde nicht wirklich zum ravigen Mitgröhlen geschrieben wurden, sondern durchaus so etwas wie Lyrik darstellen, die verstehen, dass er so etwas wie ein Poet ist, nur eben einer, der seine Gedanken in assoziativen Schnipseln auf Techno legt, was dann, im extremen Fall, zu intensiven gesangstechnischen Vereinigungen mit der Heerschar der Fans im Publikum führen kann.

Für die also, die eben genau diese simple Festlegung von Underworld auf einen kleinen BPM Bereich für blödsinnig halten, eröffnet diese Zusammenstellung von Lieblingsstücken (und genau genommen ist diese CD nicht mehr und nicht weniger als das) durchaus interessante Aspekte. Die Bandbreite ist groß, von Alice Coltrane, der Frau von John Coltrane, bis Squarepusher, von Roxy Music bis Laurent Garnier – der kurze Blick auf die Liste der Interpreten kann schon mal die Frage aufwerfen, was das verbindende Element ist.

Es wäre jetzt einfach, zu sagen, dass die Verbindung darin läge, dass das eben alles Stücke sind, die man mag, die einen beeinflusst haben. Stimmt natürlich. Es macht aber auch Sinn, sich zu fragen, warum es denn nun ausgerechnet diese Stücke sind, und ein Teil der Antwort ist ganz sicher die Faszination am vorantreibenden Element in der Musik, am Schub, dem Vorwärtsgerichteten. Nein, irgendwie nicht der Groove, nicht so ganz. Zumindest im hiesigen Verständnis wird der Begriff ein wenig zu entspannt wahrgenommen – Schubkraft ist ein bisschen was anderes.

Der andere Aspekt liegt sicher in einer gewissen Entrücktheit, Erhabenheit, Losgelöstheit. Gleich am Anfang der CD perfekt dargestellt von Alice Coltrane mit „Journey In Satchidananda“, mit einem beseelten Cecil McBee am Bass und einem wie immer großartigen Pharoah Sanders. Frau Coltrane an der Harfe, im Hintergrund stets die Sitar – wer sich nur ein ganz klein wenig in Karl Hyde hineinversetzen kann, ahnt, warum ihn dieses Stück inspiriert. In der Folge ist das Mahavishnu Orchestra, natürlich mit John McLaughlin, ebenfalls extrem tiefenentspannt unterwegs – nichts kann hier die Ruhe und Versunkenheit der Musiker stören, sie lieben was sie tun, und das hört man. Sehr Underworld, in diesem Sinne.

Tom Jenkinson (Squarepusher) ist auch so einer, der es im höchsten Maße konsequent liebt und sich einen Teufel darum schert, in welchen Kategorien er sich gerade bewegt, und schon darum ist es spannend, ihn direkt hinter das Mahavishnu Orchestra zu legen. Selbst wenn man weiß, dass Jenkinson bei aller Freude am elektronischen, an Noise Experimenten und herausfordernden bis wirklich an die Nerven gehenden Exkursionen, eine große Liebe für den Jazz hat, ist es zumindest ein Lächeln wert, wenn man feststellt, wie gut sein „Theme From Sprite“ sich an das Spiel von John McLaughlin reiht.

Diese Zusammenstellung zwingt so gut wie jeden, sich im Laufe der Stunde, die man mit diesem Album verbringt, mit Musik auseinanderzusetzen, mit der man sonst eher gar nichts zu tun hat. Soft Machine ist so ein Fall für mich. Ein ganzes Zimmer voller Musik – und kein einziges Soft Machine Album. Sollte ich noch mal überdenken, jetzt wo ich mir ein paar mal „Penny Hitch“ angehört habe. Viel näher am Jazz als ich dachte, viel satter und spannender produziert als ich es erwartet hätte, und wiederum von sehr viel reiner Spielfreude gekennzeichnet.

Ausgerechnet Roxy Music hingegen, die ich teilweise wirklich sehr mag, passt für mich eher weniger in die Reihe der Stücke, die im Übrigen so gut wie gar nicht gemixt sind, durchaus aber sachte ineinander übergehen. „2HB“ fängt für mich eigentlich erst nach knapp zwei Minuten an, wirklich interessant zu werden, wenn das Stück in eine Passage übergeht, die wie eine Roxy Music Interpretation von Krautrock klingt. Doch wenn dann Bryan Ferry wieder einsteigt, verliere ich die Verbindung zum Thema – die musicalhafte Erzählweise des Stücks ist für mich einfach ein fremdes Element im Fluss der Inspirationen.

The Detroit Experiment kannte ich bis zu diesem Album genau gar nicht. Mag jetzt ein wenig peinlich sein – schließlich ist das ein von Carl Craig initiiertes Jazz Projekt mit Musikern, die alle entweder in Detroit geboren wurden oder dort den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Hätte man zumindest wissen können. Noch einmal reine Freude an der Musik, keine Posen, kein Theater, fast klassischer Jazz, den man so sicher nicht im 21. Jahrhundert vermutet hätte.

Spannend. Auch die Anwesenheit vom Moodymann, dessen „Rectify“ wiederum großartig in die Reihe passt, weil es wie kaum ein anderes Moodymann Stück dessen große Liebe zum Jazz demonstriert. Keine Ahnung, wie er diese Stücke konzipiert, immer hören sie sich an als wären sie sorglos und ohne große Konzentration auf strukturelle Regeln oder gar kompositorische Strategien zusammengeworfen, improvisiert mehr als komponiert, aus dem Moment heraus, assoziativ und spielerisch, ungeheuer leichtfüßig. Nachvollziehbar, dass man das im Hause Underworld zu schätzen weiß.

Den Übergang zu Osunlades „The Promise“ bekommt man fast nicht mit, so ideal passen diese beiden Stücke hintereinander. Irgendwie, denke ich da, kenne ich Osunlade anders – nicht so arpeggiohaft, nicht so psychedelisch, elektronisch, abstrakt, allenfalls so polyrhythmisch wie hier. Hier und da habe ich gehört, dass man die Auswahl der Stücke für diese Compilation ein wenig zu unspektakulär und etwas zu vorhersehbar findet. Geht mir nicht so. Ich bin wirklich alles andere als ein Musikbanause, aber ich entdecke hier einiges, das ich trotz aller Underworld-Sachkenntnis so nicht erwartet hätte.

Ein eigenes Stück darf natürlich auch nicht fehlen. „Oh“ stammt aus dem Soundtrack zu Danny Boyles Film „A Life Less Ordinary“ aus dem Jahr 1997. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob man den Fans hier noch mal eine Gelegenheit geben wollte, das Stück verfügbar zu machen, ohne den Rest des Soundtracks dieses Films mit in die Sammlung stellen zu müssen – es ist nicht wirklich ein Highlight der CD. Damit hat man sich nicht wirklich einen Gefallen getan. Aber vielleicht kommen hier die „harten“ Fans auf ihre Kosten, wer weiß.

„Gnanmankoudji (Broken-Afro Mix)“ vom Herrn Garnier folgt dann: broken beats, eine gute Portion Jazz – man könnte fast meinen, hier wären Zero dB am Werk gewesen. Was durchaus ein Kompliment ist. Wiederum eine sehr interessante Auswahl, auch diesen Mix kannte ich noch nicht und mag ich jetzt. Philippe Nadaud heißt der wirklich gute Saxophonist und Arrangeur hier. Credit where credit is due.

Dann ein wirklich harter Wechsel zu Miroslav Vitous und „New York City“ – so etwas wie ein Hybrid aus Jazz und 70er Jahre Disco mit ner Prise Jazzrock. Wirkt irgendwie ein wenig komisch, heutzutage, da kommt wieder etwas das theatralische Element hervor, das bei Roxy Music schon nicht ganz ins Konzept der Zusammenstellung passen wollte. Bleibt irgendwie außen vor, wie auch das letzte Stück, eine Kooperation von Brian Eno und Karl Hyde – Elektronik, Jazz Drums, und eben Karl, mit seinen Gedanken. Interessant, aber auch hier fällt der Vergleich mit den großen Momenten dieses Albums etwas flach aus. „Beebop Hurry“ ist nicht so rasend spannend, dass es als Synthese der Inspirationen überzeugen könnte.

Was bleibt ist eine Compilation, die großartig beginnt, ein wenig desorientiert endet, vieles verdeutlicht und einiges entdecken lässt. Viele wussten schon vorher, dass Underworld mehr bieten als eine intellektuelle Variante von Techno, die sind hier recht gut bedient, die anderen denken sich „what the fuck“ und sind von ihren Helden enttäuscht. Die hätten es wohl spannender gefunden, wenn ich ihnen gesagt hätte, was die Antwort auf ihr absolutes Lieblingsalbum gewesen ist. Ohne Zögern war die Antwort „Computerwelt“ von Kraftwerk.

V.A. – UNDERWORLD VS. THE MISTERONS: ATHENS – STUDIO !K7 – !K7243CD – 7,5/10

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Immer noch ne Schippe drauf

Dieses Doppelalbum hat mir mal so richtig amtlich den Arsch gerettet, um es mal ganz deutlich zu sagen. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass da Gefahr droht. Typisches DJ-Desaster. Eine Bekannte heiratet. Sie will mit ein paar guten Freunden und der engsten Familie auf einem Weingut feiern. Braucht ein wenig gute Beschallung. Denkt sich, frag ich doch den Bekannten, der hat gute Musik, legt in guten Bars auf, dafür kann er auch lecker essen und trinken auf der Hochzeit. Wär ja sonst nicht mit von der Partie.

Sag da mal nein. Geht irgendwie nicht. Und so ein DJ ist ja auch gern mal ein wenig naiv. Denkt sich, komm, die hat gesagt, die will nur bissl Lounge Programm, da kann ja gar nichts anbrennen, die trinken noch ein paar Gläser Rheingau und parlieren, während du die lässigsten Nummern aus dem Hut zauberst, die sie je gehört haben. Wer sich auskennt, ahnt schon, was kommt. Die Gesellschaft ist schön in Schwung und ganz ausgelassen, will nicht parlieren sondern tanzen. Na prima. Die große Tasche voll mit Downbeat, und dann sollst du mal schön Dampf machen.

Klar, die Kiste hat auch hier und da was flottes dabei, Quantic, Mr Scruff, Troubleman, und auch sonst noch einiges, aber wer weiß wie lange die das Tanzbein schwingen wollen. Ich schwitze schon nach nicht mal zehn Nummern und blättere fieberhaft durch die Kiste. Bald ist Schluss mit flott, und dabei sind die grad so schön am hotten. Und da sehe ich sie, ganz am hinteren Ende der Tasche. Die neue Zero dB. Reconstruction. Zwei LPs, neun Titel, und gut die Hälfte davon eventuell einsetzbar. Hoffentlich verdauen sie es. Denn richtig stromlinienförmige Tanzware für die typische Hochzeit ist das nicht.

Eigentlich sogar ziemlich genau gar nicht. Die neun Remixes, die hier vorgelegt werden, sind teilweise von einer Intensität, die selbst das New Jazz gewohnte Tanzbein ganz schön ins Zittern bringt. So war auch klar, dass der Opener, der Zero dB & Hectic Remix von „Satellites Are Spinning“ von Sun Ra besser nicht auf den Plattenteller kommt. Schon hier wird klar, dass Neil Combstock und Chris Vogado alias Zero dB so ziemlich zu den besten Remixern gehören, die so zwischen 2000 und 2005 die Szene bereicherten. Da wird kräftig nach vorne gemischt, Gas gegeben, Feuer gemacht. Super fetter Kontrabass, richtig weit vorne, treibend ohne Ende, dicke Percussionanreicherungen, und nicht zuletzt sehr kompromisslose elektronische Unterstützung fast bis an die Schmerzgrenze.

Bei Sun Ra geht das spektakulär gut, vor allem wenn man das aus der Richtung der Jazz Freunde betrachtet. Ein atemloser Ritt, psychedelisch, elektronisch, voll aufgedreht – so gut und so fett, dass die Tanzfläche fast immer Probleme hat, mitzukommen. Aber eins ist sicher – WENN der Track jemals zur richtigen Zeit gespielt wird, dann explodiert die Bude. Beim Remix von „Henry“ aus dem Hause Peace Orchestra ist das Tempo deutlich verhaltener (und klar geeignet für meine Hochzeitsgäste, die tatsächlich Freude dran haben). Der Eleganz der Wiener angepasst, wird der Salon-Swing des Stücks fein angedickt, mit ein paar rhythmisch eingewobenen Synth Licks unterstützt, den Bläsern ordentlich Raum und Druck verschafft, hier und da ein wenig das Rhythmuswerk fein variiert – schon rollt der vollsatte Remix los, und ich habe mir knapp sieben Minuten Raum verschafft.

Auch beim Trüby Trio und „Galicia“ kann ich nicht viel falsch machen, normalerweise. Ja, auch hier ist der Zero dB Remix mit kräftig mehr Dampf versehen als das Original, aber es ist schon beeindruckend, wie aus einem netten New Jazz Klassiker eine konsequent treibende Tanznummer gestrickt wird. Viel mehr Elektronik, viel mehr Bass, aber von der mächtig nach vorn gemischten Kontrabass-Sorte, Vocal Loops, überbordendes Spiel mit den Toms und Becken, Minute für Minute wird es dicker und satter, dann ein hübsches Zwischenspiel mit allerhand Hüllkurvenknopfgedrehe, und schon geht es wieder weiter Richtung Volldampf. Gerade das Spiel mit der Dekonstruktion und dem geschickt effektiven Neuaufbau wird bei diesem Remix exzellent betrieben. Die Hochzeitsgäste gehen schon richtig hübsch ab und Schweißperlen garnieren das durchaus seelige Lächeln.

John Kong & Moonstar folgen mit dem Zero dB Remix von „Future Vision“ – deutlich entschlackter, jazzy und funky, mit fein vertracktem Schlagzeugspiel und hübschen Stereoeffekten, viel Stage Piano, und dem typisch markanten, leicht knarzigen Elektrobassteppich. Feines Teil, aber meine Gäste würden sich die Beine verknoten. Wie wohl auch bei Original Soulboy im Remix von „Touch The Sun“. Wieder knarzt der Bass ungeniert aus den Boxen, auf schön komplexem Rhythmus, dieses mal mit sattem flächigem Synth Teppich. Die Jungs lassen sich Zeit wie sonst nur Troubleman. Und bauen Schicht um Schicht auf, nehmen das Stück wieder auseinander, bauen es neu und noch voller und satter wieder auf – mit jeder Runde steigert sich das Spiel, und in jedem Intermezzo wartet eine neue feine Dekonstruktion.

Aber die nächste Nummer ist wieder was für meine Gäste. Die sind eh schon tief in Südamerika angekommen, bei dem Menü, das ich ihnen serviere, und da kommt Suba grad recht. Zero dB Remix von „Samba do Gringo“ – und ich gönne ihnen das komplette lateinamerikanische Intro mit allem was dazugehört. Schöne weit nach vorn gemischte Akustikgitarre, tolle Rhythmusarbeit, dazu die nötige Portion Electro, das passt. Und jetzt wird sogar noch gesungen, von Brasilien, da kommt auf der Tanzfläche gleich noch mehr Freude auf. Sie merken kaum, dass sie sich da grad zu ziemlich ambitionierten Klängen vergnügen. Der Saal bebt. Und ich bin verdammt froh.

„Xtradition“ von Interfearance ist eindeutig in diesem Remix treibender, spannender und irgendwie konsequenter als im Original, wenn auch nicht ganz so aufregend wie vieles von dem, was wir schon gehört haben. Bei Grupo Batuque mit „E Ruim“ sind wir dann aber schon wieder tief in Südamerika angekommen – und noch einmal beweisen Zero dB, dass man selbst den klassischsten brasilianischen Tanznummern noch eine richtig große Portion Arsch verpassen kann. Mancher mag meckern, dass das wie Spoiler am Sportwagen rüber kommt, aber man muss einfach sagen – was Zero dB aus dieser Nummer machen, hat auf der Tanzfläche einfach sehr viel geilere Bodenhaftung.

Zu guter Letzt serviert man uns dann noch einen Remix von Acmes „Hangovers“ – ein interessanter und krasser Kontrast zum vorhergehenden Stück. Sehr elektronisch, sehr technisch, kühl, und doch immer mit einem ungeheuren Vortrieb, der sämtliche Zero dB Remixes kennzeichnet. Immer nach vorn, immer Meister im Wechsel aus Aufbau und Dekonstruktion, mit feiner Dramaturgie, und mit einem Gefühl dafür, wie weit man gehen kann, ohne zu nerven.

„Reconstruction“ ist in erster Linie ein großartiges Lehrstück der Remix Kunst. Zero dB verstehen ihr Handwerk wie kaum ein anderes Remix Team, und man muss ihre Konsequenz bewundern, mit der sie ihren Job erledigen. Und so ist dieses Album eigentlich auch das beste, was sie bis dato auf den Tisch gelegt haben. Nicht jedermanns Sache, gewiss, aber konsequent durchgezogen und damit voll überzeugend.

ZERO DB – RECONSTRUCTION – UBIQUITY ‎– URCD 127 – FLUID OUNCE – FLOZLP02 – 7,5/10

blackgold

Gold gefunden

Das passiert mir selten. Ein Freund drückt mir einen Haufen weniger bekannter Alben in die Hand und sagt, hör mal durch, könnte dir gefallen, und dann vergesse ich doch tatsächlich die Teile, mülle sie unter einen Haufen anderer Daten, sie geraten in Vergessenheit. Ich räume auf, sortiere um, miste aus, und da sehe ich auf einmal – unter anderem – dieses Album. Weder der Name der Band noch der Titel sagen mir etwas. Ich denke noch – okay, lass mal drauf, hörste dir mal an, vielleicht ist es ja was spannendes.

Drei Wochen später. Ich fange an, endlich mal einen Haufen Rezensionen zu schreiben (endlich Schnee, endlich Winter, endlich Zeit zum Schreiben, dabei ist doch grad erst der Frühling gekommen). Also hingesetzt, bereit gemacht, angeklickt. Und dann: gestaunt, geärgert, geschämt. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wir kann dir so ein Ding durchrutschen? Nur weil du ein bisschen mehr Musik zu Hause hast als andere? Das ist keine Entschuldigung. Mann. Echt.

Also jetzt. Black Gold 360. Ein britischer Produzent namens Simon Sixsmith, der in Utrecht lebt und dort mit fünf Holländern etwas erfunden hat (und man kann es durchaus so formulieren), was sie eine Dirty Electronic Jazz Band nennen. Eine wirklich recht eigenwillige und spannend kreative Mischung aus Jazz, elektronischer Musik, ein wenig Trip Hop und viel experimentellem Mut.

Mit jedem Stück ärgere ich mich mehr, dass mir dieser Lapsus unterlaufen ist. Der Opener „I’m Spartacus“ hat ein spannendes, tief atmosphärisches Intro, das bereits ahnen lässt, dass hier Stimmungen, Szenen erzeugt werden, Momente, Bilder. Minutenlang elektronische Effekte, spärliche perkussive Effekte, ein Saxophon, Noise… Trommeleinlagen, heulende Synthis, schwingende Orgeln, Stereoeffekte – es ist kaum zu beschreiben, was in diesem ersten Stück passiert, bis nach fast fünf Minuten der Synthesizer Teppich weicht, Raum macht für frech lässiges Schlagzeugspiel, rhythmisch gespielten Bass, und ein Trompeten“solo“ – eine Geschichte irgendwo zwischen Lalo Schifrin, Primal Scream und Red Snapper. Nur echt mit Banjo Loop am Ende.

Wenn es so weiter geht, dachte ich mir noch, dann landet das ganz weit oben auf meiner Mag-ich-sehr-Liste. „Superbia In Proelia“ heißt das zweite Stück, fängt mit Kirchenglocken und allerhand anderem Gebimmel an, dazu verzerrte Stimmsamples, brummende Bassunterlage. Und dann – herrlicher Kontrabass, Xylophon, feines Jazz Schlagzeug, Trompete – ja, es geht so weiter, ein wenig wie Cinematic Orchestra mit einem Schuss Anarchie und einer kräftigeren Dosis Elektronik. Zumindest bei diesem Stück passt der Vergleich – das ist Film pur, nur eben etwas mehr French Connection als bei TCO. Faszinierend.

Zwei von elf Stücken, und ich bin schon ein Fan, das passiert mir auch nicht alle Tage. Nummer drei, „Angel Of The North“ fängt an wie Four Tet, Kindersaxophon und -samples, dann Blechtrommelwirbel und allerhand Verzerrungen, eine Harfe. Was für ein seltsam verspielter Traum, der dann in einen langsamen Marsch mit Bass-Saxophon mündet. Schnitt. „Best Of Bad, Love & Light“ schwingt ein wie Molvaer, nimmt dann einen trägen Marschrhythmus auf, bedrohlich instrumentiert, man sieht förmlich, wie sich die Büßer am Ende der Welt in riesigen Kolonnen in die Abgründe des Fegefeuers schleppen, von klagenden Chören, Trompeten und Trommeln begleitet. Erstaunlich dicht inszeniert, immer wieder elektronisch verfremdet – das ist, schon wieder, rundum faszinierend.

„Three Word Poetry“. Es ist noch gar nichts passiert, und doch denkt man, man säße im Eck des Zimmers von Gregor Samsa, der gerade aufwacht, nicht wissend wie man dort hin gekommen ist. Kein rechter Winkel im Raum, seltsame Geräusche, von denen man nicht weiß, sind sie im Raum oder in einem selbst. Da sitzend, kauernd, ungläubig beobachtend, Stimmen aus der Wohnung nebenan, I love you, schwebende Klänge, das Zimmer ist ein anderes, dahingeblichene Liebende vor alten Tapeten, ein Klopfen, es löst sich auf in Hall. I love you. I love you too.

„Jevski’s House“ ist auch ein Ort, an dem man ein schön locker gespieltes Jazz Schlagzeug liebt und es lediglich mit Akkorden und Effekten garniert, um zu schauen, was sich daraus entwickelt. Ein Stück Musik, das live auf der Bühne für fasziniertes Schweigen und Lauschen sorgen dürfte, alle Möglichkeiten offen lässt, es dort hin zu tragen, wo es der Abend eben hin bringt, vorangetragen und gehalten von diesem Schlagzeug Thema. Die viereinhalb Minuten könnten auch zehn sein oder fünfzehn, es wäre auch in Ordnung.

Weiter. „Pay Dirt“ kratzt und klopft los, mit ein bisschen Bass und Farfisa-Orgel, das Schlagzeug dann fast ohne Basstrommel, viel Becken, viel Raum für Ausflüge des Trompeters. Lässig. „Sunspots“ erinnert wieder ein wenig an Four Tet in der „Rounds“ Zeit, verspielt und emotional, ein klein wenig entrückt. „This Machine Kills…“ macht aus Stimmsamples Maschinengeräusche, schleppt sich dann durch einen weiteren Marsch, oder Walzer, dräunende Schwermut und ein fast theatralisches Ambiente, in dem jeden Moment Tom Waits auftauchen und noch einen heiseren Kommentar beisteuern könnte.

„Sleep Soft Under Shell-Fire“ – die Themen werden nicht eben leichter oder gar fröhlich. Wieder so ein schräger Fieberwahn, voller heller Töne, wie das Fiepen in den Ohren nach einem Tag voller Explosionen, aus der Ferne heranwehende Fetzen von Musik, wie Dudelsäcke, Halluzinationen, nicht wachend und nicht schlafend, ein Zischen überall, ein Soundtrack wie Apocalypse Now in den ersten Weltkrieg versetzt, und dann doch so etwas wie Schlaf, kurze Bruchstückhafte Melodien, die sich durch die Atmosphäre ziehen, kurze Momente der Ruhe, vielleicht auch der Hoffnung. Ruhe sanft.

„So Sorry Whitey“ – welch ein Kontrast. Glockenhelles Thema, tiefer Basslauf, lockere Drums, der nun schon gewohnte Noiseteppich, das Spielen mit den Sounds, die man alle nur halb hört, mehr ahnt, die nicht der Musik an sich dienen, sondern dem Eindruck, der Stimmung, die Farben und Hintergründe im Film ausmachen, der sich da wieder abspielt. Tut mir leid, Whitey. Wirklich. Die Welt dreht sich weiter, weißt du. Ich wünsch dir wirklich alles Gute.

Was für ein Album. Ich weiß, bei wem ich mich zu bedanken habe. Und ich weißt jetzt auch, dass Black Gold 360 noch drei weitere Alben veröffentlicht haben. Es ist ganz offensichtlich auch anderen aufgefallen, dass hier wirklich spannende Sachen entstehen. Das hier ist ein tolles Album. Wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung – ich bin froh, dass ich es entdeckt habe. Kann im übrigen jeder gratis selbst: alles kostenlos herunterzuladen auf www.blackgold360.com

BLACK GOLD 360 – LM6IX – www.blackgold360.com – 7,5/10

 

 

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Angekommen

Es ist keine wirklich sonderlich neue oder überraschende Geschichte – eine talentierte schöne junge Sängerin aus London erarbeitet sich die Chance, als Gastsängerin bei bekannten Musikern aufzutreten, macht einen guten Job, erarbeitet eigenes Material, wird vom Künstler, für den sie sang, produziert, ergattert einen Plattenvertrag und präsentiert ihr erstes Album. Tausend mal erlebt, und ab und zu kam auch mal etwas spannendes dabei heraus.

Bei Andreya Triana stehen die Vorzeichen von vornherein gut. Zum einen ist ihre Stimme, die wohl am ehesten in der Nähe von Macy Gray einzuordnen sein dürfte, durchaus das Potenzial hat, aus dem täglichen Geträller herauszuragen, zum anderen ist der Musiker, der sie einst engagierte und nun produziert, kein geringerer als Simon Green, der als Bonobo bekannt ist und als Produzent ein sehr hohes Ansehen genießt.

Dass Bonobo sich der Frau Triana annimmt, ist insofern eher ungewöhnlich als dass er bisher mehr oder weniger ausschließlich sich selbst produziert hat. Er scheint viel von Andreya Triana zu halten. Ihre Gastauftritte auf Bonobos „Black Sands“ Album passten sehr gut ins Konzept und brachten auch Bonobo ein Stück weiter, der auf seinen ersten Alben komplett auf Vokalakrobatik verzichtete und sich eben mit Unterstützung so fähiger Sängerinnen wie Andreya Triana an die Integration von Gesang in seinen Stücken herantastete.

Gleichzeitig muss man natürlich auch fürchten, dass die Wahl des Produzenten nicht eben förderlich ist, eben gerade weil man Andreya Triana primär als Gast auf Bonobos Alben kennt. Hört sich ihr Erstling zu sehr nach dem an, was man auch von Simon Green erwartet, bleibt Andreya Triana selbst auf ihrem Debüt Album ein Gast.

Aber zumindest diese Befürchtung erfüllt sich nicht. Sicher auch genau aus diesem Grund ist die Produktion auf „Lost Where I Belong“ ungewöhnlich dezent, geradezu spärlich, nimmt sich das instrumentale Beiwerk sehr zurück und lässt dem Gesang sehr viel Raum. Klar, die Auswahl der Klänge und der Instrumente, das Zusammenwirken der einzelnen Elemente zeigt deutlich, dass hier ein großer Stilist am Werk war, aber es ist beileibe nicht so, dass man in das Album rein hört und dann gleich „Ah! Bonobo!“ ruft. Insofern ist das Experiment zumindest schon mal für Simon Green als geglückt zu bezeichnen.

„Draw The Stars“, das erste Stück, ist in Sachen Instrumentierung ein gutes Beispiel. Ein bisschen Glockenspiel und xylophonartige Klänge sind so gut wie die einzigen percussiven Elemente, dazu ein paar schöne Streicher und ein eleganter Bass – das ist alles, was Andreya Triana braucht. Das darauf folgende Titelstück wartet mit sehr entspannt groovendem, trockenem Schlagzeugspiel auf, fast im Acapella-Sound rutschen die Finger über die akustische Gitarre, während der Bass sich dezent im Hintergrund aufhält. Nett. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint, zeigt es doch, dass Andreya Triana eine wirklich gute Sängerin ist.

Bereits vor der Veröffentlichung des Albums war „A Town Called Obsolete“ ausgekoppelt worden. Auch hier sind die Drums sehr trocken und natürlich, und im leicht eigenwilligen Snare Einsatz ein klein wenig bonoboesk. Die Verwendung von Bläsern und das deutlich soulige Ambiente hingegen kennt man so von Simon Green nicht. Interessant insofern als dass man tatsächlich sagen könnte, dass er sich als Produzent von britischem Soul durchaus sehen lassen kann.

Hin und wieder hebt sich die Stimmung auf diesem Album auch durch einen Hauch von Düsterkeit von der doch sehr optimistischen Klang- und Produktionswelt der Bonobo Alben ab. „Darker Than Blue“ klingt dann vom Titel aber doch etwas dunkler als das Stück selbst, das in einigen Momenten leicht an bessere Patrick Watson Produktionen erinnert. Ähnliches gilt für das darauf folgende „Daydreamers“, bei dem mehr als nur ein Hauch Trip Hop zu spüren ist, vielleicht sogar ein bisschen Portishead.

In der Folge kommt „Far Closer“ mit deutlichen Motown-Anleihen daher, wenn auch mit etwas gebremstem Schaum – hier würde man sich von Andreya Triana doch mehr Druck und Leidenschaft wünschen. So sehr die stillen Momente dieses Stücks zu ihr passen, so sehr fällt in den durckvolleren Passagen auf, dass sie wirkt, als ließe sie nicht alles raus. Das ist dann doch eher London als Motown. „Something In The Silence“ swingt sich so ein wenig gefällig-unauffällig durch die Lounge, bleibt einfach nicht hängen, und „Up In Fire“ hat einen leicht Funk-getränkten Jazz-Duft, der letztlich dann aber auch nicht sehr viel mehr als eine hübsche Idee bleibt.

Gut, dass dann noch „X“ kommt, das einem wieder zeigt, was an diesem Album wirklich geglückt ist – die behutsame Produktion stimmungsvoller Downtempoeleganz, gepaart mit einer Stimme, die genau für diese Art Musik geeignet ist. Letztlich hat man das Gefühl, dass das Album hier und da möglicherweise doch ein wenig mehr vom Bonobo Stil hätte vertragen können. Bei einem Bonobo Album bleibt immer etwas positives in einem zurück, man nimmt etwas mit. „Lost Where I Belong“ ist ein feines Album einer guten Sängerin – wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt es aber nicht.

ANDREYA TRIANA – LOST WHERE I BELONG – NINJA TUNE – ZENCD155 – 6/10

 

Lee-Konitz-Alone-Together

Three Kings

Es ist ein gutes Zeichen, dass ich bei diesem Album unweigerlich zu reflektieren beginne, wie ich im Laufe meines Lebens in der Liebe zur Musik immer näher an den Jazz heran gekommen bin, es betrachte, einordne. Und es ist auch ein gutes Zeichen, wenn ich am Anfang einer Rezension deutlich spürbare Sorge erlebe, dem Thema gerecht zu werden. Ich bin kein Musiker, und immer wieder geistert dieser Gedanke durch meinen Kopf, dass ich ein richtig guter Musiker sein müsste, um ein Album wie dieses seinem Niveau entsprechend zu beschreiben.

Aber dann höre ich es noch mal und denke – nein, das ist Quatsch. Die drei Herren haben dieses Album nicht für Musiker gemacht. Keiner wird sich hinstellen und sagen, nein, du bist nicht qualifiziert genug, um dieses Album zu lieben. Und im Falle von „Alone Together“ würde ich sogar wagen zu behaupten, dass vieles von dem, was es so besonders macht, eben nicht nur für den ausgebildeten Musiker erklärbar ist, sondern auch für den liebenden Laien spürbar.

Als Konitz, Haden und Mehldau zusammentrafen, um für dieses Album gemeinsam zu spielen, war Konitz, so heißt es, ein wenig vorsichtig, im Bezug auf Brad Mehldau. Er kannte ihn nicht, sie hatten noch nie zusammen gespielt, und Konitz sagte, dass er nie so schnell spielen könne wie ein Pianist. Dass Mehldau aber schon bald angefangen habe, sein Spiel zu verändern, um auf Konitz einzugehen, eine gemeinsame Ebene zu finden.

Für mich ist das etwas, das man diesen Aufnahmen auch anmerkt. Dass die drei einander zuhören, auf einander hören, schauen was da passiert, es aufnehmen, annehmen, verarbeiten, drauf eingehen, damit spielen. Und auch, dass es da keine großen Allüren gibt, keine Angebereien, kein Kämpfen oder Effekt haschen. Man hat fast ein wenig das Gefühl, dass es Brad Mehldau gut tut, mit zwei Legenden zu spielen, die zumindest sein Vater sein könnten, im Falle von Konitz sogar durchaus der Großvater. Konitz gibt vor, Mehldau nähert sich, begleitet, wagt sich vor, trägt bei – es tut ihm gut, ohne Zweifel.

Was dem Trio auch sehr gut tut: Es ist kein Schlagzeuger dabei. Nicht dass ich etwas gegen Schlagzeuger hätte, ganz gewiss nicht. Aber in diesem Fall gibt es dem ohnehin recht befreit und inspiriert aufspielenden Trio noch mehr Freiheit, und auf interessante Weise ist das abwesende Schlagzeug so etwas wie die Abwesenheit des Metronoms, einer Form von Zwang, eines mahnenden Antriebs. Man könnte sagen, dass sie so spielen, dass ein Schlagzeug fehl am Platze wäre – oder eben dass sie die Abwesenheit des Schlagzeugs in vollem Maße nutzen.

Das ist insofern beeindruckend, als dass es für diese Session keinen konkreten Plan gab. Konitz hat einfach Titel angesagt, und das Trio hat losgelegt – ohne dass man sich da groß abgesprochen hätte. So erklärt sich auch ein wenig die Auswahl der Titel, die nicht unbedingt besonders einfallsreich oder ungewöhnlich wäre. Es sind Standards. „Alone Together“, „What Is This Thing Called Love“, „‚Round Midnight“ – wäre nicht das Ergebnis so großartig, würde mancher zickige Connaisseur sich genötigt sehen, eine Augenbraue nach oben zu ziehen.

Aber so… Kritik nicht denkbar, beim besten Willen nicht. Der Einfallsreichtum, die Lebendigkeit, die große Klasse, die offensichtliche Freude am sich zuhören und entdecken machen jedes der sechs Stücke zu einem selten großen Genuss. Es lebt eine schöne Balance in diesem Trio, zwischen den drei Protagonisten und ihren Fähigkeiten, die – da muss ich mich einfach wiederholen – durch die Abwesenheit des Schlagzeugs offen gelegt wird.

Wer nur ein ganz klein wenig Freude am Jazz hat, wird schon im ersten Stück „Alone Together“ unweigerlich zum lächelnden Liebhaber. Mit viel Behutsamkeit spielen die drei sich hinein in den Abend, gewöhnen sich aneinander, bis es Zeit ist, den Solisten Raum zu geben, den Brad Mehldau sehr zu nutzen weiß. Eben noch fast zaghafter Begleiter von Lee Konitz, spielt er im nächsten Moment ein Solo, von dem man glaubt spüren zu können, dass es von Konitz beeinflusst ist, ohne dass dieser eingreift, sondern nur weil er auch auf der Bühne ist. Und als Konitz dann nach dem Solobeitrag von Haden zum Instrument greift und kurz mit Mehldau improvisiert, wird deutlich, dass an diesem Gefühl wohl auch etwas dran ist.

„The Song Is You“ zeigt erneut, wie gut das warme und zugleich entspannte und präzise Bassspiel von Charlie Haden der Soloarbeit von Brad Mehldau tut – ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie ist Mehldau mir auf diesen Aufnahmen ein ganzes Stück sympathischer als auf vielen seiner – nichtsdestotrotz großartigen – Art of the Trio Aufnahmen. Ähnliches gilt für „Cherokee“, in dem Mehldau seine Mitspieler schon einmal etwas mehr herauszufordern scheint, was Haden und Konitz eher dankbar aufnehmen als dass es sie irgendwie überraschen könnte. Brad kann machen, was er will, und man glaubt zu spüren, dass die Leichtigkeit, mit der seine Mitspieler auf ihn reagieren, ihn ein klein wenig befreit, einen Hauch ungezwungener und der Freude hingegeben sein lässt.

Spätestens bei „What Is This Thing Called Love“ hat man den Eindruck, dass die drei nicht erst seit ein paar Stunden zusammen musizieren, sondern schon seit Jahren. Klar, ist ein Standard, das macht es sicher leichter – und doch ist gerade hier das Spiel zu dritt am elegantesten, am harmonischsten. Und wieder freut man sich, wie Haden es schafft, dem meist unterstützenden, Halt gebenden Spiel eine Präsenz zu geben, die fast verblüffend ist. Ein warmer Boden aus Spielfreude, auf dem sich Mehldau hier ganz besonders wohl zu fühlen scheint. Wirklich wunderbar, und man hört die Verzückung des Publikums am herrlich abrupten Ende seines Solos – sie gilt definitiv nicht nur Mehldau, sondern auch Haden, der direkt danach ein weiteres seiner luftigen, vibrierenden und unaufgeregten Soli spielt.

Die fast dreizehnminütige Version von „‚Round Midnight“ ist – wie sollte es auch anders sein – ein weiterer Beweis für die besondere Art, in der bei diesen Aufnahmen die drei Musiker aufeinander hören und sich gegenseitig entdecken. Mehldau gibt Haden hier einmal sehr viel mehr Raum, begleitet ihn fast nur, lässt ihn vibrieren, auch das ist ein schönes und interessantes Erlebnis. Am Ende ist „You Stepped Out Of A Dream“ ein fast schwärmerisches Fazit dieser Begegnung. Leichtfüßig, fast fröhlich bewegen sich die drei in diesem Klassiker, offensichtlich bester Laune.

Dieses Album gehört zu denen, die einen dankbar sein lassen, dass man sich dereinst entschieden hat, eine ordentliche Anlage zu kaufen, auf der man so schöne Musik wie diese wirklich würdigen kann. Ich persönlich hätte es noch schöner gefunden, wenn das gute Stück auch als Schallplatte zu erwerben wäre, durchaus auch wegen des schönen Covers in bester Blue Note Tradition. Und es gehört zweifelsohne zu den Alben, die einen dazu ermahnen, so oft es geht ins Konzert zu gehen. So etwas ist nur noch dann schöner, wenn man es direkt erlebt. „Alone Together“ macht sehr viel Freude. Man möchte sich nach dem Hören bedanken. Das sagt alles.

LEE KONITZ, CHARLIE HADEN, BRAD MEHLDAU – ALONE TOGETHER – BLUE NOTE – 724385715020 – 10/10

 

 

zen45

Die ganz große Leinwand

Schon vor dem Cinematic Orchestra war Ninja Tune in meinen Augen eines der spannendsten unabhängigen Labels überhaupt. Und als ich vom ersten Album und der ersten Tournee des TCO las, war meine Aufmerksamkeit schnell und leicht geweckt. Ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb, der in seiner freien Zeit im Studio sitzt und mit befreundeten Musikern Jazz Stücke einspielten, um dann das Ganze in Samples stückweise zu verarbeiten und dann zum endgültigen Werk zu kombinieren. So wie sich das las, war das primär ein Sample Projekt. Ich dachte definitiv mehr an DJ Shadow als an „echten“ Jazz.

Dann das Album. Das war dann irgendwie doch ziemlich deutlich Jazz. Und von daher recht überraschend, irgendwie. Nicht dass man aus gesampeltem Jazz wirklich etwas anderes machen könnte oder wollte als Jazz – aber schließlich war Ninja Tune bis dahin für so einiges bekannt, aber eben nicht wirklich für eine Nähe zum Jazz. Es war in jedem Fall eine Überraschung, und in meinen Augen eine extrem positive.

Selbst als ich dann zum Konzert ging, war ich über das, was da auf der Bühne aufgebaut worden war, immer noch erstaunt. Ich hatte mehr oder weniger erwartet, dass die Bühne mit elektronischem Gerät bestückt sein würde, Sampler und Keyboards hauptsächlich. Statt dessen Kontrabass, Schlagzeug, Tasteninstrumente, Blasinstrumente, und eine DJ Station. Das, was dann folgte, gehört bis heute zu meinen schönsten Konzerterlebnissen.

Damals war das Repertoire der Herren verständlicherweise noch auf die Titel des ersten Albums begrenzt. Das Publikum bestand aus vielleicht drei oder vier Dutzend Leuten. Nichts, was das Orchester in irgend einer Form enttäuscht oder entmutigt hätte. Sie spielten so ziemlich das gesamte Album durch und legten noch drei Zugaben drauf, in denen sie mehr oder weniger einfach wieder von vorn anfingen. Sehr zur Freude der Anwesenden. Heidelberg, Karlstorbahnhof. Wer damals dabei war, wird sich sicher auch noch mit einem Lächeln erinnern.

Motion. In dem Fall wohl motion picture. Am Anfang fand ich den Namen des Ensembles nicht eben überzeugend – aber man muss nur ein paar Takte von „Durian“ hören, dem einleitenden Siebenminüter, und schon läuft der Film, ganz unweigerlich. Selbst wenn man nicht weiß, dass Swinscoe und seine Kollegen ein Faible für französischen Film Noir hat, ist der Film, der abläuft, ein Schwarzweißfilm mit ungeheuer dichter Stimmung, die sich immer ein wenig wie leichter Nieselregen anfühlt. Ein wenig Tristesse, ein klein bisschen lauerndes Ungewisses, eine Portion Sehnsucht, und eine Form von Schönheit, die wenig Wert auf Wirkung legt und gerade deswegen so schön unter die Haut geht.

„Durian“ beinhaltet bereits alles, was das Cinematic Orchestra in seiner Anfangsphase so groß gemacht hat – das Szenische, die stillen Momente, die Dramaturgie, und das genüssliche Ausbreiten des atmosphärischen Teppichs. Mit aller Zeit der Welt, einem fast schicksalshaft langsamen Tempo – bis auf einmal nach gut fünf Minuten das Tempo und die Stimmung wechseln und man sich unvermutet in einem völlig anderen Film wieder findet, das Soundtrack irgendwo bei Lalo Schifrin oder Quincy Jones landet, man denkt jeden Moment, Steve McQueen käme um die Ecke.

Und dann „Ode To The Big Sea“. Noch mehr als bei „Durian“ nimmt einen das Stück ohne jede Verzögerung auf die Reise. Der Rhythmus lässt keine Wahl. Ähnlich wie einst bei Brubecks „Take Five“ oder nicht allzu lang vor „Motion“ bei St Germains „Rose Rouge“ ist der Charme unwiderstehlich, das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug schon ausreichend, um einen zu fesseln, einen erwartungsfroh in den Kopfhörern versinken zu lassen. Ein paar spärliche Piano Akkorde dazugelegt, schon bald von einer Trompete unterstützt – es ist gar nicht mal viel, was hier geschieht, und doch ist das Geschehen an sich dicht und spannend. Zur Hälfte ein kleines Schlagzeugsolo, dann ein Saxophon, das ein wenig den Handlungsstrang umspielt – selbst 15 Jahre später ist „Ode To The Big Sea“ hinreißend schön.

Man sollte nicht glauben, dass das Album diesem echten Juwel noch etwas spannenderes hinzuzufügen hätte – und doch weiß man erneut nach nicht einmal einer Minute von insgesamt mehr als 13, die „Night Of The Iguana“ zu bieten hat, dass dies der ultimative Film dieses Albums wird. Es ist auch das Stück, das am besten zeigt, mit welch großer Eleganz und Sorgfalt dieses Album aufgenommen wurde. Die Mischung ist perfekt. Das Schlagzeug spielt alles andere als einen einfachen Rhythmus, und doch fließt alles, ist die Atmosphäre noch viel dichter als in den ersten beiden Stücken. Der Bass hat eine Wärme und Nähe, eine fast haptische Präsenz, und Swinscoe lässt es sich nicht nehmen, das nach gut dreieinhalb Minuten voll auszukosten, nur um dann mit einem Bläserthema aufzuwarten, das uns fast den gesamten Rest des Stückes begleitet und immer wieder Gänsehaut zu erzeugen vermag. Dieses Spiel mit Bläsersätzen und Saxophonen, die miteinander kommunizieren, sich ergänzen, ist eine wunderbare Idee, die viel von der Magie des Cinematic Orchestra ausmacht.

Allein über „Night Of The Iguana“ ließe sich seitenweise schreiben – die Streicher, die kaum etwas tun, und doch die Atmosphäre einerseits dramatisch aufladen, andererseits aber auch die Kraft zu haben scheinen, die Zeit aufzulösen, eine ungeheure Ruhe zu erschaffen. Das Saxophonsolo, das nach gut achteinhalb Minuten das tut, was beim Cinematic Orchestra so bezeichnend ist – einerseits allein im Arrangement das Solo anzubieten, andererseits aber ganz der Handlung zu dienen. Spätestens wenn dann noch zum Solo der Trompete eingeladen wird, ist der Zauber vollendet, der Kreis geschlossen, und mit der Dramatik der Streicher und der Wärme des Basses klingt die Nacht des Leguans aus. Grandios.

Dass das Album danach nicht abfällt, ist eine der schönsten Entdeckungen von „Motion“. Die „Channel 1 Suite“ wartet erneut mit feinem, komplexem Schlagzeug und warmem, stimmungsvollem Bassspiel auf, ist mehr als andere Stücke mit Vocal Samples garniert, und führt das cineastische Thema auf unvermindert hohem Niveau fort. Beim darauf folgenden „Bluebirds“ habe ich ein wenig Schwierigkeiten, gebe ich offen zu – es will so gar nicht gefallen, gibt sich sperrig, das Schlagzeugspiel ist fast mehr Improvisation als fortlaufender Rhythmus, die Stimmung ist schräg, von Horn Stabs duchbrochen – der Film ist in einer eher verstörenden Szene angekommen, fiebrig, fast ein wenig schmerzhaft, irritiert, aber, und das muss man Swinscoe lassen, auch hier wieder stimmig und konsequent, selbst hier lässt es sich schwelgen, in der Handlung mitfiebern.

Es passt gut, dass das nächste Stück „And Relax“ heißt. Nach dem fordernden Ritt des vorangegangenen Titels ist Entspannung sehr willkommen. „And Relax“ ist so etwas wie der kleine Juwel dieses Albums. Wirklich ungeheuer entspannt, ein einfaches Bassthema, ein paar Piano Akkorde, ein wenig Saxophon, sachte begleitendes Schlagzeug – es ist von geradezu hypnotisch beruhigender Wirkung. Die Definition der akustischen Entspannung.

Der Abschluss: „Diabolus“, das Stück, mit dem alles anfing. In Deutschland schon ein Jahr vor dem Erscheinen von „Motion“ und der „Ode To The Big Sea“ 12″ auf Form & Function erschienen, ist „Diabolus“ schon mit allem ausgestattet, was dieses Album so spannend macht. Und obwohl es den Anfang der Arbeit des Cinematic Orchestra darstellt, ist es ein idealer Abschluss dieses Albums. Es lädt einen in eine weitere Filmszene ein, führt einen weiter, und lässt einen schließlich fragen, wie es mi diesem Orchester weiter geht. Es hält die Spannung aufrecht und lässt einen auf eine Fortsetzung hoffen.

„Motion“ hat viel Schönes in sich. Eine der zauberhaftesten Eigenschaften dieses Albums ist es, dass es in seiner ganzen atmosphärischen Dichte und musikalischen Größe von entwaffnender Unaufdringlichkeit ist. Es ist einfach da, in einer Selbstverständlichkeit, die wirklich selten ist, und überzeugt ohne dass man das Gefühl hat, dass jemand sich wirklich groß angestrengt hätte. Ich bin sicher, dass dieses Album sehr viel Arbeit gekostet hat – aber es ist als wäre es einfach nur entstanden. Ich würde mir wünschen, dass man Filme so machen würde.

THE CINEMATIC ORCHESTRA – MOTION – Ninja Tune – ZEN045 – 9,5/10

boobacoho

Home is where the groove is

Mit Samplern kann ja nicht jeder so. Schnell ist die Nase gerümpft – das ist doch nur was für Leute, die zu faul sind, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, sondern nur so was trendiges im Regal haben wollen, wenn mal Besuch kommt. Zu einem großen Teil habe ich dafür auch ein gewisses Verständnis. Oft genug, wenn ich mal jemandem erzählt habe, dass ich am Wochenenden gern in Bars lässige Sachen auflege, kam dann so was wie „Ah, cool, ja, so Café del Mar und so.“ Manchmal fiel es mir wirklich außerordentlich schwer, darauf noch eine freundliche Antwort zu finden. „So ähnlich“ sagte ich meist, und sparte mir den Zusatz „nur nicht so Scheiße.“ Café del Mar geht mal gar nicht. Da kannst du auch gleich Chris de Burgh hervorholen.

Andererseits können Sampler, Compilations, Mix Alben auch wirklich wertvoll und sinnvoll sein. Viele von meinen Lieblings-Samplern sind tausende von Kilometer mit mir in der Plattentasche unterwegs gewesen, weil sie manchmal gleich ein halbes Dutzend Stücke beinhalteten, die prima in der Bar beim Vermeiden der Café del Mar Klischees halfen. Meist waren mindestens zwei Verve Remixed Compilations dabei, oder was aus der Hi Fidelity Lounge Reihe. Noch ein Vorteil: Man entdeckt dort auch durchaus mal Neues, das dann wieder zu weiteren schönen Entdeckungen führt. Xploding Plastix hätte ich ohne den Colors Sounds: Nordic Sampler wohl erst sehr viel später kennen gelernt.

Und da sind dann ja noch die Mix CDs. Die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – genreprägend. Die Coldcut 70 Minutes of Madness – tatsächlich, blanker Wahnsinn. Oder auch die teilweise wirklich tolle Solid Steel Serie von Ninja Tune. Natürlich gibt es auch viel dürftiges Clubgemixe, das kein Mensch braucht. Aber gerade für einen, der selbst gern Platten mixt, ist es immer wieder faszinierend, was da so alles zusammengeworfen wird.

Zugegeben – die Coming Home Mix CD von Boozoo Bajou ist nicht notwendigerweise stilprägend, sie beinhaltet keine wirklich atemberaubenden mixtechnischen Fähigkeiten, und allzu große Überraschungen bietet sie auch nicht. Und trotzdem ist das „aber“, das ich hinterherschiebe, ein wirklich gewichtiges. Ich würde mal behaupten, dass dieser Mix zu den lässigsten Aufnahmen gehört, die in meiner nicht eben kleinen Sammlung zu finden sind. Ungeheuer entspannt, richtig erfreulich stilvoll, fein ausgewählt, stimmig zusammengeschoben.

Das will was heißen. Denn im Gegensatz zum sonstigen Tätigkeitsbereich der Herren von Boozoo Bajou – leicht dubschwangere und von Südstaatendüften durchzogene Edel-Downtempo-Produktionen – bewegen sie sich für diesen Mix im oft wirklich grässlich von Dünnbrettbohrern verseuchten Deep House Gelände. Ja, hier und da sind auch gern mal ein paar Südamerikanische Klänge dabei, und gegen Ende wird es für eine solche Klassifizierung auch mal fast schon zu druckvoll, aber unterm Strich ist das Deep House. Nur – es wird nicht ein einziges Mal peinlich. Das hätte echt in schlimmem Klischee enden können – ist aber meilenweit davon entfernt.

Das fängt schon gut an, denn das jazzige Intro von Linkwood Family’s „Miles Away“ lässt sich richtig schön Zeit, setzt gleich die richtigen Akzente, und bereitet unaufgeregt die Bühne für das Darauffolgende vor. Die Boozoos selbst haben auch keine Eile und schieben den shuffeligen Idjut Boys Dub vom eigenen „Fürsattel“ erst nach gut acht Minuten ran. Ist okay. Wir sind schon extrem entspannt, und der Shuffle Rhythmus passt wunderbar auf die diversen Dub Räume, die der Mix zu bieten hat.

Die Entspannung erreicht ähnlich große Tiefen wie der Hall, bis knapp vier Minuten später Ski in den Schallraum croont und sagt, er sei „On My Way“. Boozoo Bajou hatten schon immer ein Faible für tiefe, markant männliche Stimmen, und Ski begleitet Tontelas, so heißt der Interpret, hier auf recht manierierte Weise, wie eine Art leicht übereifriger weißer Barry White. Die Texte – okay, eventuell ist da dann doch ein wenig Klischee im Spiel. Aber lässig ist es schon. Lassen wir durchgehen.

Zumal im Anschluss ein feines kleines Intermezzo folgt. Soulphiction mit „Soulprint“, kurz dazwischengeschoben für knapp zwei Minuten, mit reichlich Stil, hallt dann fein aus und wird vom W-Burn Clan abgelöst, deren „Lights Out“ das Tempo leicht anziehen lässt, die Grundentspannung aber keinesfalls gefährdet. Es folgt eins meiner beiden absoluten Highlights – Nora Morales‘ „Saona“ im Gilles Peterson & Sinbad Remix. Großartige Piano Loop, feine spacig spinnerte Soundeffekte, schön schiebende Südamerikanische Beats und Chöre – vor vielen Jahren hat mal ein gewisser Sidestepper in Venezuela ein paar richtig lässige Beats gebastelt, an die musste ich da unweigerlich denken. Großes Kino.

Gut, dass das gleich sieben Minuten lang das Ohr erfreut – ich muss schauen, dass ich das gute Stück irgendwo separat auf Vinyl finde. Nach diesem feinen Moment lerne ich noch mal was über die Wirkung von Stücken in unterschiedlichen Zusammenhängen. Als ich nämlich das nächste Stück, „Killer“ von Boozoo Bajou ft. Topcat, das erste mal auf deren Album hörte, war ich schon nach nicht mal einer Minute schwer genervt. Ich steh halt nicht auf diesen Jungle Style MC Kram, da steckt wenig Variabilität drin. Aber komisch, hier in diesem Zusammenhang kommt es deutlich weniger nervig rüber. Allerdings wird hier auch nicht eine Albumtitelfolge feiner Downtempo Tunes durch nerviges Getoaste unterbrochen, hier gehört es eher rein.

Trotzdem habe ich nichts dagegen, wenn dann Henrik Schwarz übernimmt, der sich mit Amampondo zusammengesetzt hat und deren „I Exist Because Of You“ einen Live Mix verpasst hat. Sehr typischer Schwarz Stil, sehr fein und sehr warm produziert, sehr percussiv und sehr afrikanisch, mit entsprechenden Gesängen – manchmal geht mir der gute Henrik beim World Beat integrieren ein wenig arg weit, aber seine Produktionen sind halt einfach von so hoher Qualität, dass selbst das gut geht. Sicher auch weil der Mix achteinhalb Minuten Zeit hat und sehr viel Raum lässt, die Fähigkeiten von Henrik Schwarz zu feiern.

Nachdem so das Tempo noch mal kurz angezogen wurde, geht es im nächsten Moment etwas deutlicher auf die Straße, und wo die Beats eben noch flossen, springen sie bei „Givin It Up“ von Icasol ft. Capitol A deutlich mehr. Die hier verwendete Dub Version ist unterhaltsam, schiebt mit einem einfachen aber effektvollen Akkordthema nett an – nichts großartiges, aber auch hier – es funktioniert. Und da wir eh schon langsam wieder irgendwo zwischen Chicago und Detroit gelandet sind, macht es auf schöne Weise Sinn, dass sich hier das Stuttgarter Motor City Drum Ensemble anschließt. Muss man nicht viel zu sagen. „Raw Cut #5“ ist einfach verdammt gut.

Dann wird es wieder Zeit für ein bisschen Deepness. Wieder ein fein rollender Beat, ein Piano Sample, dezenter Hallraum, stilvolle Bassline – „Coming Home“ von Andre Lodemann ist arschcool und perfekt für den Mix geeignet. Das gilt dann auch für das darauffolgende „Children“ von Nick Solé. Sechs Minuten dubby deep bliss, hier vielleicht ein klein wenig zu verspielt, und sicher hätte man noch lässigere Dub Tech Tracks finden können, aber ist okay. Läuft eh, denn im Anschluss hören wir, was Brendon Moeller aus Intrusions „Tswana Dub“ gemacht hat, und das ist dann wirklich schon nah am Dub Techno dran. Fein, fein.

Ja und dann kommt mein zweites dickes Highlight auf dieser Mix CD. Move D. Und nicht irgendwas von Move D. Sondern meiner Meinung nach sein größter Moment, „Got Thing“. Knalltrockene Bassdrum, ungeheuer funky Bassline, herrlich viel Raum, tolles entspanntes und dennoch treibendes Grundtempo, erfreulich sperrige Effekt Loops, ein paar gut gewähle Samples… Das Teil war schon immer in meiner House Kiste, wenn ich unterwegs war, und da bleibt es auch. Das macht Freude.

Für mich hätte da auch Schluss sein können, genau genommen. Aber die Herrren Boozoo wollen es noch mit einem Remix eines ihrer eigenen Stücke ausklingen lassen – „Divers“ im Jay Haze House Remix. Ist jetzt kein Track, der das Ganze noch mal aufwertet, aber perfekt geeignet, um entspannt groovend in Richtung Ausgang zu wanken. Der Abend war gut, und das ist das Stück, bei dem man sich prima noch mal von allen verabschieden kann. Lässig wars. Und danke.

DIVERSE INTERPRETEN – BOOZOO BAJOU: COMING HOME – Stereo Deluxe – 4250330543029 – 8/10