900ftspider

Neunhundertundacht Füße

Bei dieser Platte muss ich mich entschuldigen. Ich würde es ja beim Interpreten selbst tun, wenn es ginge, aber das ist so eine Sache. Der Mann ist quasi untergetaucht, seit zehn Jahren einfach weg vom Fenster. MC 900 Ft Jesus, schon der Name ist etwas anders. Irgendwann hat Mark Griffin, so heißt er eigentlich, im Fernsehen einen dieser gruseligen TV-Prediger gesehen, Oral Roberts hieß der Mann, und ich frage mich ernsthaft, warum so ein Prediger sich nicht vielleicht doch einen etwas anderen Vornamen zulegt, dieser Oral Roberts lief jedenfalls da auf seiner Fernsehpredigerbühne herum und erzählte seiner glotzenden Gemeinde, er habe eine Vision gehabt, Jesus sei ihm erschienen, Gottes Sohn himself, und er sei 900 Fuß groß gewesen, also 300 Meter. Anscheinend plagte sich Griffin gerade mit der quälenden Frage, wie er sich denn als Musiker nennen solle, und da kam ihm Oral Roberts wohl grad recht.

Griffin machte am Anfang seiner Karriere so was ähnliches wie Rap, und darauf deutet ja auch das MC am Anfang des Namens hin, und doch stimmt das nicht wirklich, weil da immer so ein Stück Industrial drin war, eine gute Portion Sinn, Irrsinn und Unsinn, eine Neigung zum Skurrilen, zu einer intellektuell-ironischen Haltung, respektlos, eigenwillig, und später dann auch ein bisschen morbide. In einem der wenigen Interviews, die er in seiner eher kurzen Karriere als Musiker geführt hat, sagte er einmal, dass die Leute immer ein wenig überrascht seien, wenn sie ihn kennenlernten und feststellen müssten, dass er nicht verrückt sei. Gerade diese Haltung war es, durchaus nicht überraschenderweise, die ihm eine kleine, aber eingeschworene, nicht minder beknackt-intellektuelle Fangemeinde einbrachte. Die würden sich natürlich nie als Fans bezeichnen, klar, ich ja auch nicht, und doch hab ich so gut wie alles im Regal, was der Mann je veröffentlicht hat.

Und da kommen wir auch wieder zurück zur angesprochenen Entschuldigung. Einen Teil dieser Platten habe ich erst in den letzten Jahren gekauft, und das obwohl das letzte Album elf Jahre alt ist. Genau dieses Album hatte ich nämlich einst erstanden, kurz angehört, und mit einem Achselzucken wieder ins Regal gestellt. Ich würde mich nicht wundern, wenn ein Teil meiner Ernüchterung beim ersten Hören auch daher gerührt haben könnte, dass „One Step Ahead Of The Spider“ in der Zeit des schwachsinnigen CD-Booms 1994 erschien, und Alben wie diese, die man heute definitiv auf Vinyl pressen würde, ausschließlich als CD zu erwerben waren. Warum auch immer, die CD blieb lange im Regal. Sehr lange. Erst vor zwei Jahren kam sie wieder ins Spiel, als ich einmal ein paar Juwelen der Sammlung auspackte und vorführte, und zu „Welcome To My Dream“ griff, dem zweiten Album von MC 900 Ft Jesus. Großartig. The City Sleeps, Falling Elevators, Killer Inside Me… ein tolles Album mit einer ungeheuer dichten Stimmung, sehr atmosphärisch, unvergleichlich.

Dann kam natürlich die Frage – hat der denn noch mehr gemacht? Ja, sagte ich, danach kam noch ein Album, aber das ist nicht so dolle, ich habs nur ein mal gehört und dann weggepackt. Aber was solls, holen wir die CD doch noch mal raus, sagte ich dann, hören wir mal rein.

Ja, und dann kam die Wahrheit an den Tag. Wir sind gleich am ersten Stück hängengeblieben. Die ersten Takte waren es wohl schon, wenn ich es recht überlege. Tamboura, Tablas, Congas, und ein Bass. Eine Kombination wie aus einem Miles Davis Album aus der Zeit von Bitches Brew oder In A Silent Way. Dann das Schlagzeug, ein E-Piano, ein wenig Gitarre, der Eindruck wird noch verstärkt. Und das ist gut, erstaunlich gut, insbesondere in den Ohren von zwei Leuten, die gerade diese Platten sehr gern hören.

Dann fängt Mark Griffin an zu erzählen. Es sind nicht die Geschichten, die man aus dem zweiten Album kennt, nicht diese dunklen Berichte aus den verdrehten Köpfen von Brandstiftern oder ähnlichen seltsamen Figuren. Es ist noch mehr Spoken Word, noch mehr surreale Erzählung, ein Film, der so detailgetreu beschrieben wird, mit so vielen Worten, Adjektiven und Formulierungen, die so treffend, so präzise, so eiskalt gefühlvoll richtig gewählt sind, dass man mitten drin sitzt in der Geschichte, immer weiter angetrieben und begleitet von der Musik, gut elf Minuten lang, bis zum bitteren Ende.

Es ist eine verstörende Geschichte, nur wenige werden sie zu würdigen wissen, schon wegen der sprachlichen Barriere, man muss sehr gut Englisch können, um zu merken, wie toll sie erzählt wird, und dann weil es um eine Frau geht, die in ihrem Auto in einer Kurve einer Landstraße einfach Vollgas gibt und geradeaus fährt, in die Leitplanken, man weiß nicht warum, hat irgendwie das Gefühl, sie weiß es auch nicht, ein wirklich eindringliches, intensives Hörerlebnis, so viel ist sicher.

Mutig, so eine schwer zu schluckende Pille gleich an den Anfang zu legen, aber hat man die erst mal verdaut und begriffen, worum es geht, kann man sich mit Genuss auf die übrigen Seltsamkeiten aus der Fantasie des MC 900 Ft Jesus einlassen. Er selbst sorgt gleich danach für Entspannung, mit einem Gruß aus seiner musikalischen Vergangenheit, denn die nächsten beiden Stücke erinnern in Thematik und Skurrilität ein wenig an das erste Album „Hell With The Lid Off“ – beißende Kommentare zur Entfremdung und zur allgemeinen Dämlichkeit des Menschen, der mit nichts klar kommt und bei drohenden Trennungen mit Knarren wedelt, ein Bericht aus der Welt der Underachiever, die nicht wissen, was sie mit ihrer Birne anfangen sollen, ulkige Texte, die man am besten versteht, wenn man weiß, wie blöd sich ein Intellektueller in den USA vorkommen kann und wie doppelt dumm ihn das Leben da machen kann, wenn er die Orientierung verliert.

Man kann über die Musik streiten, klar – ein wenig frühelektronisch, und Mark Griffin kommt mit offenen Formaten deutlich besser zurecht als mit strengen Popsongformaten. Trotzdem, 1994 klang Musik sonst deutlich peinlicher, so viel ist sicher, und Griffin dürfte auch eher von Collegestudenten als Rapper bezeichnet worden sein, als von irgendwelchen Jungs aus der Bronx. Die hingegen haben sicher Respekt gezeigt, wenn sie gesehen haben, was Griffin im nächsten Stück gemacht hat – eine wirklich mutige Neubearbeitung von Curtis Mayfields „Stare And Stare“ mit dem damals schwer angesagten Living Color Gitarristen und Mitbegründer der Black Rock Coalition, Vernon Reid. Sehr schlank, sehr Spoken Word, der Text, begleitet von Bass und Gitarre, sonst nichts. Nach fünf Minuten dann eine Art instrumentaler Nachhall mit der ganzen Band, zwei Minuten nur, leider, denn der hat eine innere Ruhe, eine Versöhnlichkeit, die selten zu finden ist.

Spätestens jetzt wird klar, dass der selbstdeklarierte MC alles andere als ein alternativer Rapper ist, sondern ein richtig guter Musiker. „Buried At Sea“ folgt. Langsamer, polierter Hip Hop Beat, schöner Gitarren Hook, ein Bläsersample, und wieder diese Texte voller Verwirrung und Desorientierung, nicht wirklich zu verstehen, sondern eher zu erfühlen, und wer nicht genau hinhört, denkt, schön anzuhören, und merkt gar nicht, wie knapp unter der wohlklingenden Oberfläche die Welt auseinanderfällt.

Schon hüpfen wir im nächsten Stück wieder in die skurrile Erzählwelt des Mark Griffin, denn in „Tiptoe Through The Inferno“ schlüpft er offensichtlich in die Rolle eines fröhlichen Geisteskranken. Zitat: „If you do not accept this to be true, then you are insane and will be locked up. I personally have never been locked up, but that is because I personally have never been insane, nor have I ever personally, that is to say, as a person, been a criminal. You, on the other hand, are obviously crazy. This is a scientific fact … Please do not change colors while I am talking to you.“ Zum Glück kann man dem wirklich unterhaltsamen Text, der von einem lockeren soulfunkjazzigen Soundtrack begleitet wird, gut verstehen, der ist mindestens so beknackt wie der Text von „Truth Is Out Of Style“ vom ersten Album, in dem Shirley MacLaine von Außerirdischen entführt wird.

„Gracias Pepe“ heißt das darauffolgende Stück, das wieder nur kleine Textschnipsel enthält, auf Spanisch dieses Mal, während die Musik sich anhört, als käme sie von Ryuichi Sakamoto, perkussiv, leicht, etwas träumerisch, und wenn ich es richtig verstanden habe, bedankt man sich eben bei Pepe, sagt ihm, er sei nicht umsonst gestorben, und ob denn die Engel schön singen.

Aber dann. Dann wirds richtig krass. „New Year’s Eve“. Bongos, Tablas, Schlagzeug, sonst nicht viel, ein vertrackter Rhythmus, der eher Bühne als Musikstück ist, denn Griffin erzählt wieder, und es ist unglaublich, eine beißend satirische Geschichte von einem monströs fetten Mann, der am Silvesterabend fern sieht und ätzende Kommentare zum Programm von sich gibt, während er eine nicht minder monströse Portion Popcorn vertilgt, die er mit einer Gallone Diet Coke herunterspült, bevor er mit einem riesigen Furz schnarchend einschläft. <br><br>Unglaublich das ganze. Definitiv einer der Höhepunkte des Albums. Ich weiß noch, wie wir da saßen und verblüfft den Kopf schüttelten, und dass ich glaub ich ein dutzend Mal stammelte, dass das ja wohl nicht sein könne, dass ich solch ein Album jahrelang verschmäht habe.

Ja, und dann kam der absolute Knaller. „Bill’s Dream“. Man muss wissen, dass der dicke Mann im letzten Stück Bill heißt, und dass der ja am Ende einschläft. Da sitzt man dann und überlegt sich, wie Bills Traum wohl aussehen mag. Was garantiert niemand vermutet, ist dass die rein instrumentale Vertonung des Traums eine gut achtminütige Hommage an Miles Davis sein könnte – und genau das ist es, im Prinzip so etwas wie der zweite Teil von In A Silent Way. Die Verwandtschaft ist klar und deutlich, unmissverständlich, aber dieses Stück ist so schön geworden, dass einem das Wort „Plagiat“ gar nicht erst in den Kopf kommt.

Spätestens jetzt merkt man, was Griffin als Trompeter drauf hat. Heute wissend, dass der Mann nach diesem Album einfach aufgehört hat, Musik zu machen, ist „Bill’s Dream“ wie eine Art Nachlass, ein Großes Finale, das eigentlich unverständlich ist, schließlich ist der Mann nicht gestorben.

Später habe ich dann auch die Maxi von „If I Only Had A Brain“, der einzigen Single dieses Albums, gekauft, und da war dann noch ein weiterer Teil dieser wunderbaren Jazz Session drauf, als zehnminütige „Regression Session“ aufbereitet, mit einem Text wie direkt aus dem Zimmer eines Hypnotiseurs, der den Hörer auffordert, in der Zeit zurück zu gehen, in die Jugend, die Kindheit, und dann weiter, über die eigene Geburt hinaus.

Schön ist an diesem Album auch, dass dann noch ein kleines Juwel kommt, zum Abschluss, ein dreiminütiges Ambientstück, das von einem wie am Frühstückstisch aufgenommenen Dialog begleitet wird, der hauptsächlich davon handelt, dass in Massenszenen bei Hollywood Filmen die Statisten immer aufgefodert worden sind, Rhubarb, Rhubarb zu rufen, wohl um die wie zum Rufen und Wehklagen geöffneten Münder zu filmen. Ein seltsames, schönes kleines Stück, das mich an frühe Pink Floyd Alben erinnert, in denen auch mal einfach nur das Frühstück aufgenommen wurde und zum Intro umfunktioniert wurde, ohne dem Ganzen große Bedeutung geben zu wollen, im Gegenteil, man gab dem Werk dann auch noch einen Nonsenstitel wie zum Beispiel „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving With a Pict“.

Griffin hat sich kürzer gefasst und nannte seinen Abschluss einfach nur „Rhubarb“. Er lässt uns mit etwas Rhabarber am Tisch sitzen, und wir fühlen uns wie nach einem wirklich seltsamen Trip ein wenig allein, eben wie runtergekommen, aber gut runtergekommen, auf undefinierbare Weise bereichert.

Angeblich hat Mark Griffin nach diesem Album keine große Lust mehr auf das Musikgeschäft gehabt, es muss ihn schon schwer angenervt haben. Statt dessen, so sagt man, habe er sich darauf konzentiert, seinen Flugschein zu machen, er wolle Pilot werden.

Manchmal taucht er wohl noch in Communities auf, in denen seiner Musik gedacht wird, und hinterlässt Nachrichten, dass er möglicherweise schon noch mal wieder Musik machen werde, und dass er sich freue, dass sich noch Leute an ihn erinnern. Es wäre jetzt sicher etwas pathetisch, wenn ich sagen würde, dass ich da gern drauf hoffe, ich bin ja kein Fan, nein nein. Aber begrüßen würd ich das schon. Ohne Frage. Das wäre eine Bereicherung.

MC 900 FT JESUS – ONE STEP AHEAD OF THE SPIDER – AMERICAN RECORDINGS – 1994 – 8/10

»