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Schönes aus dem garden

Es gehört schon zu den wirklich feinen Momenten eines Tages, wenn ich eine neue Schallplatte aus ihrer Hülle gleiten lassen kann. Mancher mag sich am Geruch des Interieurs seines neuen Autos ergötzen – ich finde den Duft einer frisch eingetroffenen Schallplatte um einiges aufregender.

Und dann knistert es so schön, ein wenig Statik ist da immer drin, als ob die Spannung des Moments durch die elektrische Spannung unterstützt wird. Manche Platte hält sich richtig doll statisch fest an ihrer papiernen Innenhülle, und je mehr man dran zieht um so schwerer ist sie zu befreien. In der Ruhe liegt die Kraft. Leicht anwinkeln, den Molekülen ein klein wenig Zeit zum Sortieren und Akklimatisieren geben, und schon gleitet das schöne Schwarze aus dem knappen Weißen.

Viele meiner Platten kaufe ich, ohne sie vorher zu hören. Meistens weiß ich ja eh, worauf ich mich einlasse, zumindest grob, man weiß ja, wer was macht und wie sich das ungefähr anhört. So wird der Moment, in dem die Platte ausgepackt wird, zu einem noch viel spannenderen Moment.

Eine CD zum Beispiel ist da anders. Auch sie ist nie gespielt worden, aber sie wird für ihren allerersten Auftritt auf ein kleines schmuckloses Stück Plastik gelegt und verschwindet für die rasende Junfgernfahrt im Dunkel des digitalen Kastens.

Der Kasten ist es, der dem Tonträger die ersten Noten entlockt – wenn ich hingegen die Platte auf den Plattenteller lege, wohl gebettet auf einem eigens hierfür erstandenen Stück weichem Filz, wenn ich dann den Knopf drücke, der den Motor des Plattenspielers auf genaue, aber gemütliche dreiunddreißigeindrittel Umdrehungen pro Minute bringt, und wenn ich dann den Tonarm anhebe, um ihn gleich danach wieder langsam abzusenken und in der Einlaufrille zu platzieren, dann bin ich es, der den Vorgang physisch und ganz direkt in Gang gesetzt hat, dann bin ich es, der die Platte zum Singen bringt, nicht der Kasten.

Bevor die CD einsetzt, hört man das mechanische Surren des Suchers im Inneren des Players. Bevor die Platte die ersten Schwingungen der ihr anvertrauten Musik preisgibt, hören wir ein paar Sekunden lang ein schönes, spannendes, leise knisterndes Nichts. Das Laufen der Nadel, das Suchen nach dem ersten Ton, die reine akustische Vorfreude.

Und dann erfahre ich, was ich gekauft habe. Viele schöne neue Stücke spannender Musik. Lauter ahas und ohos, ein paar najas und guckmalans. Und manchmal, wenn ich ganz viel Glück habe, auch ein großes verdutztes glückliches Schweigen, das einem sogar, mit noch ein wenig mehr Glück, ein bisschen die Augen unter Wasser setzt.

Das sind seltene Momente, das passiert vielleicht ein zwei Mal pro Jahr, aber es ist immer wieder wunderbar. Für so einen Moment kauf ich gern ein paar hundert ahas, najas und sosos.

Ganz besonders doll ist es dann, wenn es ganz unerwartet kommt. Da packe ich zum Beispiel eine Platte aus, die ist von einem Label namens Tru Thoughts. Feines Label, ohne Frage. Quantic ist da zu Hause, und das ist richtig richtig gute Musik. Bonobo war da zu Hause, bevor er zu Ninja Tune ging, und der macht auch wirklich feine Sachen.

Und so ein Mensch namens Ben Lamdin, der, aus welchen Gründen auch immer, unter dem Namen Nostalgia 77 veröffentlicht. Funky Sachen macht der bisher, nichts sensationelles, aber es lohnt sich, da hinzuhören, selbst wenn es nicht so fein gesponnen daher kommt wie das, was die Labelkollegen so veröffentlichen.

Die Spannung war also nicht so übermäßig groß. Und stieg auch nicht, als das erste Stück lief. Ich war froh, hatte der gute Ben doch offensichtlich gleich für den Opener „Cheney Lane“ die Hilfe von Quantic beansprucht. Ein schön schleppendes, herrlich rohes Stück langsamer Funk, komplett mit Schweineorgel und Bläsern. Ideal für die Bar, freitags, klasse, dachte ich mir, das gibt Futter für den Quantic-Mr.Scruff-AliceRussell-Hint-Bonobo-Block.

Und dann kam alles ganz anders. „Changes“, das zweite Stück, ließ mich ehrlich und wirklich auf den Stuhl sinken, der sich glücklicherweise hinter mir befand, und ich bin sicher, ich hab so richtig klassisch mit offenem Mund dagesessen und ungläubig auf die unbeirrt weiterrotierende Platte geguckt.

Denn das, was da zu hören war, war so ziemlich das schönste Stück Jazz, das ich seit einer Ewigkeit gehört hatte. Lockeres, klassisches Jazz Schlagzeug, unaufgeregt gespielt, unverfälscht aufgenommen. Ein tiefer, warmer Bass, so sanft gespielt, dass man ihn eher spürt als hört. Ein E-Piano, ganz unprätentiös elegant, vervollständigt die Bühne für einen Bläsersatz, der schöner kaum sein kann.

Alles andere als gefällig gesetzt, das ist schon nicht mehr die Art von Harmonie, die es einem leicht macht. Auch die Themen, die sie spielen, sind nicht wirklich einfach zu verdauen. Und doch, es ist so einfach und so schön, dass man einfach nur den Kopf schüttelt.

Da sitz ich nun, konfrontiert mit einem Stück, das ich so auch erwartet hätte, und einem, das irgendwo in den coolsten Momenten der Jazz Geschichte zu Hause sein könnte. Eine perfekte Eröffnung sozusagen, denn jetzt bin ich wirklich mächtig gespannt.

„Green Blade Of Grass“ folgt. Und damit ein weiterer Zeitsprung, irgendwo in die etwas experimentelleren Zeiten des Jazz-Rock, wie man es damals ungeschickt nannte.

„You And Me“ – dicker fetter Kontrabass, Rhodes, leichtes Drumset – der Jazz bestimmt den weiteren Teil des Albums, wunderbar dicht und echt aufgenommen, und ich frage mich immer, wie macht der das, der Junge ist doch einer, der am Computer rumfrickelt und nicht mit ner dicken Band rumreist.

Erst später lese ich, dass letzteres neuerdings auch stimmt – nicht weniger als neun Leute sind unterwegs, wenn Ben Lamdin auf Tournee ist, eine richtig große Jazz Band.

Unweigerlich erinnere ich mich an einen meiner schönsten Konzertmomente, als ich das Cinematic Orchestra auf ihrer ersten Tournee erlebte, nicht minder überrascht, eine wahrhaftige Jazz Combo auf der Bühne zu sehen, eine exzellente obendrein.

Ben beschließt die erste Seite von „The Garden“ mit einem weiteren fast klassischen Stück langsamem, leicht schleppendem Jazz, fast meditativ und doch sperrig gesetzt, einfach nur Schlagzeug, Bass, Piano, Bläser. Wieder diese eigenartige Harmonie aus Schrägem und Schönem, wieder wird es mir nicht leicht gemacht, und wieder mag ich es um so mehr.

Wow, denke ich, das ist grad mal das halbe Album. Ich drehe um, schau noch mal auf die Stücke, die jetzt folgen sollen, und – nee. Das kann nicht wirklich sein. Erstes Stück auf der zweiten Seite: „Seven Nation Army“. Das kann kein Zufall sein.

Nadel runter, wieder dieses gespannte Warten. Und tatsächlich: ein krächzendes kratzendes, schräges, ultralangsames Gitarrenintro, das keinen Zweifel lässt. Das ist das Ding von den White Stripes.

Und wie gehts weiter? Groß. Alice Russell in absoluter Höchstform macht das Rockstück zu einem dicken, fetten, klagenden, gospel-soul-getränkten Funk-Spektakel. Dazu die typischen dicken schleppenden Quantic Drums, ne glasklare Gitarre, die ein paar wenige, aber effektive Akzente setzt, wieder mal ein großartiger Kontrabass – und das klassische Gitarrenthema aus dem Original, das wird von einem wirklich mutigen Bläserensemble gespielt, das so schräg zusammengesetzt ist, dass man wirklich lachen muss.

Man kann sich fragen, was das Stück zur Hölle auf diesem Album zu suchen hat – aber wir lassen das, wir danken, wir staunen, wir freuen uns über eine weitere schöne Überraschung aus dem Garden.

Womit wir beim Titelstück wären. „The Garden“ führt uns wieder in den Jazz, diesmal aber in den ganz ganz langsamen, reflektiven, mit Jazzbesen, kontemplativem E-Piano – ein echtes Stück Kopfhörermusik.

„After Ararat“ hingegen geht in Richtung Latin/African Jazz, mit dichtem Percussiongewebe und zyklischem Bläserspiel, und „Freedom“ wiederum könnte man wohl am ehesten als New Jazz bezeichnen, mit leichten afrikanischen Anleihen.

Und dann sind wir am anderen Ende des Gartens angekommen. Ein Blick zurück, und du stellst fest, alles ist anders. Das ist vielleicht auch das Schönste, was eine Platte dir geben kann – das Gefühl, dass jetzt, da du sie gehört hast, deine Welt ein kleines Stück anders geworden ist. Du hast was gelernt, du hast was gemerkt, du hast etwas gesehen, gefühlt, erlebt. Das ist fein – und das schönste ist, dass du das Gefühl immer wieder ein Stückchen reproduzieren kannst, wenn du die Platte wieder aus dem Regal holst, sie auf den Filz auf deinem Plattenteller legst, die Nadel senkst, und andächtig wartest, während die Nadel durch das leise Knistern der Einführungsrille dem ersten Ton entgegenkreist.

NOSTALGIA 77 – THE GARDEN – TruThoughts – TRULP068 – 8,5/10

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