visitvenus

Mein Papa war Musiker bei der NASA

Es gibt Platten, bei denen merkt man erst sehr viel später, wie gut sie eigentlich waren. Denn das tragische an Musik, die ihrer Zeit voraus ist, liegt logischerweise darin, dass sie in ihrer Zeit oft nicht als zukunftsweisend erkannt wird, sondern erst, wenn ziemlich viel von der Zukunft verstrichen ist. In diesem Fall fast 20 Jahre. Aus dem Jahr 2014 betrachtet ist „Music For Space Tourism“ eine ziemlich erstaunliche Platte.

Dazu passt die Geschichte, die zu diesem Album gehört. Die beiden Köpfe hinter dem Namen Visit Venus, Mario Cullmann und Mario von Hacht, erklären uns allen Ernstes, dass ihre Väter bei der NASA gearbeitet haben, um dort Musik zu komponieren, die den Passagieren einer Reise zur Venus zu Gemüte geführt werden sollte. Die beiden Marios haben dann die geheimen Bänder dieser Aufnahmen gefunden und daraus dieses Album erstellt.

Dass diese Geschichte nicht als kompletter Blödsinn rüber kommt, sondern von manchen Rezensenten sogar für nicht total unmöglich gehalten wurde, spricht zum einen für die Erzählkunst der Protagonisten, zum anderen aber deutlich für die Qualität dieses Albums. Tatsächlich ist diese Platte ein erstaunliches Frühwerk des Downbeat Genres. Es erschien ein glattes Jahr vor der berühmten Kruder & Dorfmeister DJ Kicks, und ein weiteres Jahr, bevor Mo Wax DJ Shadows „Lost & Found“ veröffentlichte – also noch bevor auch nur der Begriff Trip Hop existierte.

Nicht dass man die Musik auf diesem Album als Trip Hop bezeichnen würde, aber der Grundgedanke ist ähnlich – man holt sich lässige Hip Hop Beats von der Straße und bereitet sie für die Lounge auf – oder eben für den Flug zur Venus. Und so machen Mario und Mario eben nicht Music For Airports, sondern Musik für den Raumtourismus.

Boarding findet in Brooklyn statt – auch ne ziemlich interessante Wahl, denn 1995 war Brooklyn noch echt verrucht. „Brooklyn Sky Port (Departure)“ schiebt gleich mit einem absolut klassischen Hip Hop Beat los, lässt den Beat weit im dumpfen Hintergrund den Coolness-Faktor um einiges steigen, während diverse hübsche Keyboard Sounds genau die richtige Mischung aus Weltraum und Entspannung erschaffen, die es braucht, um sich auf die nicht eben kurze Reise Richtung Venus einzustimmen. Ein sehr eleganter Begrüßungscocktail ist das.

Auch bei den Titeln zeigt man viel Kreativität – denn kaum fliegt das Raumschiff an unserem kleinen Erdtrabanten vorbei, hören wir auch schon „First Man On The Moog“, das natürlich mit einer tief knarzenden Moog-Bassline glänzt. Wieder feine Beats, dazu ein bisschen clever gesetzte Bläser-Muzak-Einwürfe wie frisch aus den späten 60ern in die Zukunft gebeamt, ein bisschen feiner Orgel Sound – es ist kein sehr reichhaltiges Buffet, hier wird recht gerade durcharrangiert, aber trotzdem ziemlich cool.

Dann folgt, fast logisch, „One Step Beyond“. Noch mal ein bisschen auf die Tempobremse gedrückt und mit ein paar Soundschnipseln und etwas Orgel- und Vibraphonspiel der Beat garniert – allenfalls wird hier das Spiel ein klein wenig zu einseitig, als dass es über sechs Minuten gebraucht hätte. Und schon müssen wir uns den ersten Passagieren widmen, die unter speziellen Reisesymptomen leiden – „Stellarphobia“. Ihnen verabreichen wir eine Portion beruhigende Rhodes Akkorde, und einen extrem Trockenen Beat-Cocktail, und schon hören wir in der Tiefe des Raums die Chöre singen.

Was keiner wusste: im Weltraum sind mächtig coole Leute unterwegs. Wer hätte gedacht, dass man mit „Shaft In Space“ reisen würde? Prompt erklingen typische Blaxploitation Themen über Hip Hop Beats, und Gefahr andeutenden Orgelakkorde – aber alles locker, Shaft ist auf Urlaub, keine fiesen Gangster an Bord. Trotzdem, ein wenig sicherer fühlt man sich schon.

Ziemlich üppig haben sie es grooven lassen, die Marios. Drei gut gefüllte LPs und jeweils richtig ausgedehnt arrangierte Stücke, bis zu knappen neun Minuten, wie bei „Zoom“. Da sind wir auch schon im Anflug auf die Venus – feines Glockenspiel kündigt die Landephase an, während die plüschige Bassbegleitung und das dezente Schlagzeug einen noch mal in die behaglichen Raumgleitersessel hinein räkeln lässt. Querflötenmelodien begleiten einen in die Atmosphäre hinein – gleich setzen wir auf dem Spacepad auf. Zeit für ein paar Tage Entspannung kurz vor der Sonne.

Und da sind wir auch schon, im „Venus Beach Resort“. Lateinamerikanische Gitarrenklänge deuten an, dass die Copacabana eigentlich auf der Venus liegt, die Beats sind auch ein klein wenig gebrochen, was allerdings beim recht gemächlichen Tempo des Titels nicht so richtig funktioniert. Sieht so aus als müsse am nagelneuen Resort noch ein wenig gearbeitet werden, da passt noch nicht alles zusammen. Einem Passagier scheint es aber mächtig gut gefallen zu haben auf dem fernen Planeten. Auf dem Rückflug murmelt man am Checkin „One Passenger Lost“. Und so sucht eine einsame Trompete im Raum nach dem Passagier, feine Synthesizer Peiltöne werden ausgesandt, während die übrigen Passagiere in der Lounge warten, bei trockenen Beats aus den Boxen und Intercom-Klingeln vom Check-in-Schalter.

Wir lassen den Passagier auf der Venus und gönnen dem jungen Copiloten beim Abflug noch einen „Orbital Workshop 2“ – er scheint der Second Man On The Moog zu sein, wenn man sich so die brunzende Bassline anhört. Aber er macht seinen Job ganz gut, zielsicher steuert er das Raumschiff in die Umlaufbahn, und dann im richtigen Moment wieder hinaus in den Raum, zurück zur Erde.

Landeanflug. Noch ein kleiner Schlenker über Manhattan, „Harlem Overdrive“ genannt. Viel Stereoeffekt mit feinem Orgelsound, ein wieder einmal ausgesucht elegantes Bass Thema, verhallte Piano Akkorde, Vibraphon, und ein Hauch von Jazz im Schlagzeug – der Anflug auf den Spaceflughafen ist durchaus stilvoll und bietet feine Aussichten.

Und schon sind wir wieder da. „Home“. So ein Urlaub vergeht doch immer viel zu schnell. Ein etwas wehmütiges Saxophon deutet an, dass man gern noch eine Woche dran gehängt hätte, aber dann geht es schon wieder auf die Straße, begleitet von einem Drumbeat, der auch der Thievery Corporation gut zu Gesichte gestanden hätte. Keyboard Stabs zeigen, dass es auf dem Highway etwas hektischer zugeht, aber der Erholungseffekt der Tage auf der Venus hält zum Glück noch vor. Kleine Flashbacks erinnern an heiße Nächte und lässige Stunden an der Hotelbar – da fahren wir ganz gewiss wieder hin.

Freunde des Vinyls werden dann noch mit einem wirklich passenden Bonus Titel belohnt: „Apres Sky“. Noch ein extrem trockener Beat, ein tiefes sattes Saxophon und jede Menge hübsche Orgelsounds, dazu ein schwer cooles Bläserthema und lässige Gitarren – ganz offensichtlich gönnt man sich am Ankunftstag noch einen abendlichen Cocktail und lässt die Ferien elegant ausklingen.

Mario und Mario haben uns auf eine wirklich souveräne und wegweisende Reise geschickt, damals, 1995. Aber nicht nur im historische Zusammenhang ist „Music For Space Tourism Vol. 1“ ein richtig gutes Album – man kann sicher auch heute mal den einen oder anderen Titel in das ausgesuchte Bar Set legen und die Leute grübeln lassen, woher der Titel wohl stammen mag. Da kann man dann lächelnd „Von der Venus“ sagen. Hat doch was.

VISIT VENUS – MUSIC FOR SPACE TOURISM VOL. 1 – YO MAMA – YO 0910-1 – 7,5/10

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