schoollysatnight

Ungehobelt

Das ist ja immer so eine heikle Geschichte, das mit dem „wer hat’s erfunden?“. Die Namen, die einem immer so eingetrichtert werden, die die Erfinder von irgend etwas gewesen sein sollen, waren meist nicht die tatsächlichen Erfinder, sondern eher nur die, die eine neue Erfindung kommerziell nutzbar gemacht haben. Und auch wenn diese Formel hier ein wenig weit ausgelegt scheint – sie passt auch prima auf das Thema Gangsta Rap.

Denn wenn man mal so die Baseballkappenfraktion fragt, wer denn wohl der erste Gangsta Rapper gewesen sein mag, dann heißt es ganz schnell „Ice T natürlich“. Aber da ist – und das muss man ihm hoch anrechnen – genau dieser Ice T deutlich anderer Meinung. Für ihn war es eindeutig Schoolly D. Den kennen zwar nur echte Insider, aber man muss sich nur sein „P.S.K. – What Does It Mean?“ anhören, und dann direkt im Anschluss den Anfang von „6 In The Morning“ von Ice T, dann ist alles klar. Aber wie gesagt, Ice T hat da keine Scheu, uns zu sagen, wo die Inspiration her kam.

Klar, man kann sich fragen, ob es nun so eine tolle Sache ist, der echte erste original Gangsta gewesen zu sein. Und man kann sich auch fragen, ob das tatsächlich auch die Intention war. Tatsächlich hat Jesse B. Weaver, Jr. alias Schoolly D nichts anderes gemacht als sein tägliches Leben zu beschreiben und es mit einer gehörigen Portion Macho-Allüren und Großmäuligkeit zu garnieren. Dabei kann man ihm sogar noch attestieren, dass er sich selbst und seine Abenteuer auch nicht so richtig ernst nimmt – zumindest nicht am Anfang seiner Karriere.

Damals war das Geschrei aber groß. Schoolly D wäre das schlechtestmögliche Vorbild für die Jugend, man müsse seine Platten aus den Läden verbannen, und so weiter und so weiter. All das, was später auf nationaler Ebene und mit großen Bürgerinitiativen (weitaus berechtigter) auf die dann ausufernde Gangsta Rap Szene los ging.

Heute hören wir uns Schoolly D auf dessen „Saturday Night“ Album an und müssen doch ein wenig schmunzeln. Tatsächlich ist das größtenteils wirklich recht harmlos, was da so getextet wird. Interessanter ist da schon viel eher die Art, wie hier produziert wird, wie gerapt wird, wie das Ganze präsentiert wird. Was natürlich deutlich auffällt, ist, noch lange bevor man den ersten Ton gehört hat, wie einfach die Mittel gewesen sein müssen, mit denen die ersten Alben aufgenommen und gestaltet worden. Schoolly D selbst übernimmt mit krudem und genau genommen konzeptlosem Graffitti-Gekritzel auf Pennäler-Niveau die Covergestaltung. Auf der Rückseite ebenso vom Rapper geschriebene Titel und ein simples Foto vom Schoolly mit seinem DJ. So ziemlich das Gegenteil von sophisticated. Aber das gehörte bei ihm einfach dazu.

Passt auch, denn vor allem für die ersten Veröffentlichen wie zum Beispiel das erwähnte „P.S.K.“ stand nur ein billiger kleiner Drumcomputer zur Verfügung, die Decks von DJ Code Money, und allenfalls noch ein billiges Gerät zum Sampeln. Wenn irgend jemand wirklich extrem LowFi unterwegs war, in der eh schon mit simpelsten Mitteln arbeitenden Welt des frühen Rap, dann war das Schoolly D. Dazu gehörte auch eine Art zu rappen, die sowas von dahingerotzt und schlampig war, dass man es schon wieder als Stilmittel bezeichnen musste.

Das war der Charme des Schoolly D. Total ungeschönt, total ungehobelt, ohne den leistesten Versuch, irgend etwas an dem, was er da tat, aufzupolieren, hübsch zu machen. In der Hinsicht war er auf jeden Fall ein Pionier, und die Tatsache, dass er damit als Folge zum ersten Gangsta Rapper wurde, hat tatsächlich mehr etwas damit zu tun, dass Gewalt, Verbrechen und Promiskuität einfach Teil des Alltags waren, und dass das wahre Problem in dem Moment entstand, als daraus nicht (wie bei Schoolly D) Prahlgeschichten wurden, sondern (wie später ständig) Gewalt bis zum Mord offen verherrlicht wurde.

Tatsächlich sind einige der Tracks auf dieser LP ziemlich simple Übungen darin, mit ein paar Beats aus der Box dem DJ Raum für hübsche Tricks zu geben, und eben Schoolly D seine Geschichten erzählen zu lassen. „We Get Ill“ zum Beispiel lässt wenig hören, das irgendwen groß aufregen könnte. Klar, 1986 war es keineswegs üblich, dass man einfach mal ein „motherfucker“ in die Texte einbaute, aber hey, kein Grund, den Untergang der Kultur des Abendlandes zu befürchten.

Auch „Do It Do It“ ist allenfalls ein bisschen typische Rapper-Macker-Pose, ich habs drauf und du bist ne Null, das kennt man ja. Oder eben ich tu es mit jeder, Hauptsache ordentlich Hintern, ich gebs dir besser als jeder andere, auch das nicht wirklich rasend neu und umstürzlerisch. Dazu der Drumloop, den wir später noch auf „I Know You Got Soul“ hören werden, und ein Haufen Zeug aus Cartoons und Kindersendungen. Tatsächlich ist es vor allem die ungeschönte, locker auf den Beat gelegte Art zu rappen, leicht nasal und mit so einer mir-doch-egal-was-du-denkst-Attitüde vorgetragen, die Schoolly D hier von anderen Rappern unterscheidet.

„Dedication To All B-Boys“ hat natürlich wieder einen mächtig simpel zusammengeschobenen Beat, über den immer mal wieder „Young Girls Are My Weakness“ von den Commodores gelegt wird. Hier wird der moralisch wachsame Bürger schon etwas hellhöriger. Denn hier wird schon mal davon geredet, dass man in der Nachbarschaft immer nen Joint in der Hand hält und ne Knarre dabei hat. Und wer sich in den Weg stellt, wird eben aus dem selben geräumt. Immerhin – es ist ihm da völlig wurscht, welchen Glauben oder welche Hautfarbe der beiseite geräumte hat. Stilistisch ist der Rhythmus seiner Raps hier wieder nah an dem von „P.S.K.“, was den Eindruck frühen Gangsta Raps noch einmal verstärkt.

Und dann gibt’s natürlich jede Menge Geld. „Get’n‘ Paid“ ist extrem wichtig, und natürlich kriegt keiner so viel Schotter wie Schoolly. Und komm nicht auf die Idee, mir die Gage nach dem Gig bezahlen zu wollen, weil ich da ja schon mit all den Bitches rummache, kapiert? Jede Menge Scratches, dicker Hall auf der Bassdrum, fertig ist das Teil. Bumm. Auf „B-Boy Rhyme And Riddle“ wird vor allem ein alter Funk, Inc. Sample verbraten, und zwar gleich mal locker ne halbe Minute lang. Dazu wieder ein paar deftigere Lyrics, inklusive der „Smoke somke kill“ Textzeile, aus der dann der Titel des nächsten Albums wird.

Tatsächlich hat sich bis hierher die Originalität und das Schock-Element in Grenzen gehalten. Im Grunde macht Schoolly D mehr oder weniger das gleiche wie seine Kollegen, nur etwas dreckiger, kruder, chaotischer. Unsaubere Edits, billig abgemischte Drumsounds, das direkt so vom Mikro genommene Rappen – in den Einzelteilen ist das tatsächlich schlampig und fast amateurhaft, als Ganzes dann aber eben doch mächtig mehr als die Summe der Teile.

Das sieht man dann vor allem am Titelstück. „Saturday Night“ war klar der Hit dieses Albums und ist locker zwei Klassen besser als alles andere auf diesem Album. Denn hier wird der ganze LowFi Trip noch mal so richtig schön konsequent ins Extrem getrieben. Fast schäbig daherklöppelnde Drums und Toms und Bells reihen sich zu einem erstaunlich lässig groovenden Beat, dazu gibt es den immer gern benutzten Wild Magnolias Sample aus „Soul Soul Soul“. Bis dahin noch nicht so berauschend, aber dann kommen Schoolly Ds natürlich absolut total wahren Heldengeschichten aus diversen Wochenendnächten. Jede Menge Drogen, ständig Sex natürlich, dann auch mal ein Fehlgriff, verdammt das ist ja ein Kerl, ha ha verrückt die Samstag Nacht, ich sag’s dir.

Schon ulkig, dass das so gut funktioniert. Aber weniger als die Inhalte überzeugt hier die Art, wie die Geschichten erzählt werden. Viel zu cool und durch und durch der nie aus der Ruhe zu bringende B-Boy, als dass man vor irgend etwas Respekt haben müsste. Man zieht sein Ding durch, macht was man will, Drogen, Frauen, Waffen, bei so einem Leben ist schon allein die Erwähnung von so b-boy-weltfremden Worten wie Gesetze und Regeln undenkbar. Und trotzdem sind wir hier noch ganz ganz weit entfernt von „Fuck The Police“.

Völlig aus der Reihe tanzt dann das Abschluss-Stück dieses Albums, „It’s Crack“. Ein Hip-Hop Instrumental, gespickt mit allerhand Samples und Gescratche – vor allem die durchaus interessante Idee, bei solch einem Stück einfach mal das fette Synthesizer-Intro „Threshold“ von Steve Millers „Book Of Dreams“ LP zu verwenden, ist für die ansonsten bewusst krude Produktion ein überraschender Kunstgriff. Manche finden, dass das eins der besten Hip Hop Instrumentals aller Zeiten ist. Kann man ganz sicher auch anderer Meinung sein, aber auf diesem Album ist es eine echte Überraschung.

Schoolly D konnte aus dem frühen Gangsta Rap Ruhm keine sonderlich große Karriere stricken, aber den Respekt seiner Kollegen hat er in jedem Fall. Die Arbeit an diesem Album brachte ihm immerhin die Möglichkeit ein, mit Abel Ferrara zusammenzuarbeiten, einem der bekanntesten Hollywood-Regisseure. „Saturday Night“ ist sicher mehr aus historischer Sicht interessant als dass es großen künstlerischen Wert hat. In der Entwicklung des Rap ist es sicher eines der wichtigsten Alben.

SCHOOLLY D – SATURDAY NIGHT – FLAME/RHYTHM KING – MELT LP2 – 6,5/10

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