mirwais

Das ist doch der, der da der Madonna das Album gemacht hat, oder?

Mirwais. Erinnert sich noch jemand an ihn? Nicht wirklich, oder? Das kommt davon, wenn man der Gottesanbeterin eine Produktion auf den Leib schneidert. Madonna. Sie ließ sich von Mirwais einen großen Teil ihres „Music“ Albums produzieren, darunter auch das Titelstück. Riesen Erfolg natürlich. Danach hat man die klassische Marketingschablone aufgesetzt, Mirwais schwer in den Himmel gelobt, und sein Album angekündigt wie die Verheißung schlechthin.

Und was kam dabei raus? Nichts. Das Album kam, das Album ging, und mit ihm im Prinzip auch Mirwais. Einmal kurz für die große Madonna aufgeheizt, ein paar Euros gemacht, dankeschön. Vermutlich war das Album nicht mal wirklich ein Flop, finanziell – so dermaßen, wie da die Werbetrommel gerührt wurde, haben sicher reichlich Leute zugegriffen und sich schon bald gefragt, warum denn eigentlich.

Lausige Taktik seitens der Plattenfirma. Denn der Hauptgrund, warum diese Platte nicht wirklich überzeugend rüber kommt, liegt in den monströsen Lorbeeren, mit denen sie auf den Weg geschickt wurde. Mirwais ist der Produzent von Madonna, das neue Produzenten-Mastermind, Zauberer, Heilsbringer, und bevor überhaupt auch nur ein halber Hit auf dem Weg ist, gibt es auf der Hülle nen Kleber, welche Chartbomben auf diesem Album zu finden sind.

Es wäre auch interessant gewesen, sich einmal erklären zu lassen, wer auf den taktisch wahnsinnig hirnlosen Trip gekommen ist, dieses Album „Production“ zu nennen. Das war doch ganz genau das, was dieses Album eben NICHT beweisen sollte – dass Mirwaïs Ahmadzaï eben nicht nur der Knöpfleindreher für andere ist, sondern eben selbst ein talentierter Künstler. Und dann werden ihm auch noch so doll terminatormäßige Kabel ins Gesicht retouchiert, als wäre Kreativität auch nicht seine Stärke, sondern eher der Umgang mit Sequencern und dergleichen.

Viel schlechter vorbereitet hätte man das Album gar nicht veröffentlichen können. Dabei ist es gar nicht mal schlecht. Ist ja auch nicht so überraschend, denn Madonna holt sich einen wie den ja nicht ins Studio, ohne dass er ein Talent hätte, von dem ihre Manager und Trendscouts genau wissen, dass es das nächste dicke Ding für die Chefin liefert. Und dass man in Paris richtig guten Electropop baut, ist ja auch hinlänglich bekannt.

„Disco Science“ beispielsweise ist durchaus ansprechender Midtempo Electropop mit ordentlich sägenden Sirenen, viel Effekt, dezenten Hintergrundvocals und einem Klassiker unter den Samples, „Cannonball“ von den Breeders. Gut gemacht, konsequent produziert – und doch: Nach „Music“ denkt man irgendwie, gleich kommt noch Madonna um die Ecke. Oder sonst wer berühmtes.

Passenderweise fängt „Naive Song“ mit einem hübsch naiven Synth Bass an und kommt dann mit leicht verhackstückten Gitarrensamples rüber. Auch die Texte sind konsequent naiv, erzählen von happy girl, happy boy, happy world und happy life. Alles total happy – ulkigerweise denke ich da prompt an Andreas Dorau, der derartig naive Wortkreationen so verabreicht, dass man drüber lächeln kann. Hier soll es irgendwie fashionable sein oder so. Nette Konserve, die trotzdem nur sehr begrenzte Haltbarkeit hat.

Für „V.I. (The Last Words She Said Before Leaving)“ nimmt sich Mirwais ein Stück von Serge Gainsbourg vor – schleichend, leicht unheilvoll, gespenstisch. Geflüsterte Texte, minimales Arrangement, leichte Synth Streicher. Irgendwie hätte man sich dieses Experiment eher von Kid Loco gewünscht, der dem Geist dieses Stückes wohl eher gerecht geworden wäre als Mirwais, bei dem es letztlich eher zu einer dekorativen Übung wird, inklusive dicker Drums und knarzender Synths im zweiten Teil des Stücks. Aber wir wollen fair bleiben – die Idee ist nicht schlecht.

Beim einen oder anderen Stück lohnt sich auch mal der Blick in die Videos. Zum Beispiel das von „I Can’t Wait“, entstanden unter der Regie von Stephane Sednaoui. Artifizielle Räume, hagere Figuren, ausdruckslose Gesichter, Mirwais mit seiner vom Cover her schon bekannten Verkabelung, Überblendungen mit dürren Models, theatralisches Sich-selbst-lieben in lasziven Tänzen, vage Andeutungen gespaltener Persönlichkeiten und homoerotischer oder selbsterotischer Begierden – das kann man eventuell unter produktionstechnischen Aspekten interessant finden, inhaltlich bietet es keine Verbindung zum Titel.

Dabei ist auch dies ein durchaus gutes Stück Electropop, das allenfalls darunter leidet, dass es außer einem geflüsterten „I Can’t Wait“ keine großen Botschaften bietet. Die hätte man sich schenken können, das wäre konsequenter gewesen. Wie überhaupt Mirwais‘ Versuche, sich als „kompletter“ Künstler zu präsentieren, großenteils dadurch in Frage gestellt werden, dass er eben nicht als Vokalist ernst genommen werden kann.

Bei „Junkie’s Prayer“ kriege ich dann aber doch einen Anflug von Ärgerlichkeit. Wir wollen Sex, wir wollen Drogen, wir machen böses, machen fieses, mit verzerrtem Gesang und etwas dürftiger Hip-Hop-Attitüde. Platte Texte, wenig inspiriert vorgetragen – es funktioniert einfach nicht, wenn man ultrasimple Texte in schlechtem Englisch vorträgt. Es wirkt immer so als würde uns jemand ganz bestürzt mitteilen, dass es echt viel Krieg gibt auf der Welt. Ach. Echt? Dürftig, weil flach und ohne jede weiterführende Botschaft (die man ja wohl erwarten darf, wenn jemand die Laster und das Übel der Welt auflistet).

Dann kommt mal bissl Tempo ins Spiel. „Definitive Beat“ schiebt mal die Breakbeats an, durchaus interessant editiert und mit angescratchten Samples garniert. Daraus hätte man sicher eine ziemlich feist treibende Nummer machen können, wenn man dann so konsequent gewesen wäre, noch mehr Druck drauf zu legen, anstatt sich in Stereoeffekten zu üben und ein paar akustische Bomben zu zünden. Da ist der Arsch in der Hose ein wenig zu flach geblieben.

Auch das ist ein immer schon gern verwendeter und wahnsinnig leicht zu durchschauender Deal: Hier, Mirwais, komm, produzier mir mal meine neue Platte, wir machen das dann so, wenn die fertig ist und das Ding hübsch abgeht, dann hauen wir einen von den Titeln auch auf dein Solo-Album. Na? Was meinste? Und so landet dann „Paradise (Not For Me)“ auch auf „Production“.

Fatal. Denn es passiert genau das, was man befürchten musste – es wird einem sehr deutlich gezeigt, dass Mirwais eben ein guter Produzent ist, der einer wie der Madonna was hitverdächtiges zurechtbasteln kann. Und eben nicht ein Künstler ähnlichen Formats. Wo auf dem Rest des Albums viel versucht wird, wird hier auf hohem Niveau erzählt und mit viel Gefühl etwas erschaffen, das letzten Endes sogar aus Madonna mehr raus holt als das üblicherweise möglich ist. Der Effekt für dieses Album ist trotzdem verheerend – es zeigt deutlich die Limitationen des Producers auf. Madonna kann es mit jedem – Mirwais nicht ohne andere.

„Involution“ zeigt das gleich im Anschluss. Ja, das ist ein hochwertig produziertes, atmosphärisch dichtes Stück elektronischer Musik, hier mit ein paar Dub Effekten angereichert, ein Stück zum Lauschen und Pfeifchen rauchen vielleicht – aber weit von der Spannung entfernt, die „Paradise“ so besonders macht. Auch „Never Young Again“ schafft es nicht, mehr als interessante und hochwertige Produzentenarbeit zu präsentieren, und so läuft das Album mehr oder weniger ins Leere.

Gut, da hängt am Ende der Vinylversion noch der Giorgio Moroder Remix von „Disco Science“ dran – aber ehrlich gesagt holt er aus dem Stück auch nur eine andere Variante heraus, und keine neue Interpretation. Er kann einem ein bisschen leid tun, der Mirwais. Von Madonna in den Himmel geschossen, mit dem Soloalbum wieder hart auf der Erde gelandet. Von den monströsen Vorschusslorbeeren seiner Plattenfirma im Handumdrehen verbrannt. Im Plattenregal irgendwie nur anwesend, nicht viel mehr.

MIRWAIS – PRODUCTION – NAIVE/EPIC – 498213 1 – 4/10

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