primalvanish

Rock’n’Roll Wundertüte

Ein bisschen bekloppt sind sie ja schon, die Herrschaften. Schizophren vielleicht. Oder nehmen mal die eine, mal die andere Droge, wer weiß. Einen Moment sind sie die geliebte und gefeierte Psychedelic Rock Band, die virtuos mit den Genres spielt, im nächsten Moment kommen sie daher wie eine halbhippe Rolling Stones Kopie. Gut, ich gehöre zu den drei vier Leuten, die mit „Give Out But Don’t Give Up“, dem Vorgänger dieses Albums, sehr gut zurecht kamen. Ich mochte diese rotzige und nach Südstaaten klingende Version der Stones deutlich mehr als die Stones – aber auch ich kann nachvollziehen, warum so ein radikaler Wechsel zu einem doch eher eindimensionalen Genre bei einer Band wie Primal Scream wie ein Abstieg wirken kann.

Ist natürlich ne blöde Situation. Vom Erneuerer zum Nostalgiker, vom Trendsetter zur Enttäuschung der Kritiker, da droht man einen guten Ruf zu verlieren. Also dreht man das Steuer wieder rum und holt sich einen Bassisten, der weiß wie man wieder in Richtung Psychedelia findet – Gary „Mani“ Mounfield von den Stone Roses. Dazu noch die richtigen Produzenten an Bord holen, logisch. Da kommt Brendan Lynch ganz recht, und Andrew Weatherall mischt auch ein bisschen mit.

Das Ergebnis ist so überzeugend, dass man schon mal ein wenig stutzig werden kann. Bis heute kriege ich die Primal Scream Version von „Give Out“ nicht mit der von „Vanishing Point“ zusammen. Fast nicht. Ein so stonesiger Rocker ist ja auch auf diesem Album dabei, da merkt man es dann. Tatsächlich. Gleiche Combo. Verdammt.

Der Titel stammt – Cineasten wissen das natürlich schon – von einem Film aus den frühen 70ern, „Fluchtpunkt San Francisco“, ein Road Movie mit einem guten Schuss Sozialkritik und einem wenig glücklichen Ende. Die Hauptfigur in diesem Film, die von Barry Newman gespielt wird, heißt „Kowalski“, wie auch einer der besten Titel dieses Albums, ein von rastlosen Breakbeats getriebenes düsteres Stück, das mit Samples aus dem Film gespickt ist und mit vielen Soundeffekten fast schon auf Industrial getrimmt wurde.

Der Opener aber ist „Burning Wheel“, in dem Primal Scream gleich klar machen, dass sie doch nicht versuchen, die besseren Stones zu sein, sondern lieber wieder zu Neo-Psychedelia zurückkehren – das ist schon eher Syd Barrett als Mick Jagger, inklusive heftig mit Stereoeffekten versetzten Gitarrensounds und allerhand Low Fi Synth Sounds. Das darauf folgende Instrumentalstück „Get Duffy“ könnte nicht konträrer sein – Old School Drum Computer trifft auf Orgel und mächtig tief gespielte Klarinette.

Die Band soll über zwei Monate hinweg viel improvisiert haben bei den Aufnahmen – das Arrangement dieses Stücks deutet an, dass vieles eher entstand als dass es streng nach Plan aufgenommen worden wäre. Auch das ist sicher ein Pluspunkt von „Vanishing Point“ und passt zum Thema. Der Film ist eine einzige Flucht vor den Polizisten – Kowalski allein im 1970er Dodge Challenger R/T 440 Magnum, auch er improvisiert ständig, um irgendwie doch noch ans Ziel zu kommen.

Egal ob Retro-Rockband oder Psychedelic-Helden – ein Problem ist Primal Scream nie losgeworden: die teilweises grottenschlechten Lyrics von Bobby Gillespie. Meist fällt das nicht weiter auf, aber wenn man wie in „Star“ nur von einfachen Drum Machines und ein bisschen Bass begleitet wird, ist es mehr als deutlich. Da textet er so dämliche Platitüden wie „Every brother is a star, every sister is a star“, oder so hanebüchenen Mist wie die Feststellung, dass es keinen größeren Anarchisten gäbe als die englische Queen. Echt, das geht wirklich gar nicht. Das haben die Sex Pistols sogar komplett besoffen noch besser getextet. Und für sowas holen sie dann auch noch die Memphis Horns ins Studio. Schauderhaft.

Das würde nicht so arg auffallen, wenn dann nicht solch ein wirklich ins anarchische gehender Instrumentaltrack wie „If They Move, Kill ‚Em“ käme. Satter treibender Drum Sound, wild durcheinander gemischte Sounds, Sitars, jaulende Synths, schrammelnde Gitarre, ein Haufen Noise und Wahnsinn – geht doch! Und das beste: Gillespie hält die Klappe.

Natürlich nicht lange, denn beim nächsten Titel „Out Of The Void“ tritt er wieder in Aktion – dieses Mal aber durchaus stimmig. Ein psychedelisches Psychogramm eines Mannes, der sich in einer ausweglosen Situation befindet, begleitet von schönen Leslie Licks, jeder Menge Soundeffekten, Tablas und Gitarren – da spürt man, wozu Primal Scream in der Lage sind, wenn sie sich wirklich ganz auf ihre Stärken konzentrieren. Ähnliches gilt auch für „Stuka“, das definitiv ein Highlight dieses Albums ist – schwer Dub beeinflusst, vor allem im Bezug auf die großartige Bassline. Die Vocals von Gillespie sind hier schwer Vocoder-verzerrt – Gott sei Dank, denn auch hier fallen die Texte eher blödsinnig aus. Aber es sind nur ein paar Zeilen, und so kann man sich voll auf den dubgeschwängerten Psychedelic-Trip konzentrieren.

So ganz können sie die olle Stones-Masche aber auch nicht lassen. Und so werden wir bei „Medication“ vom Sound des Vorgängeralbums eingeholt. Wieder diese Stones mit Südstaatenduft, wieder diese einfachen Texte…. Aber okay, „Medication“ ist nicht schlecht, funktioniert tatsächlich hier im breiteren Spektrum deutlich besser, man hat Ex-Pistol Glen Matlock am Bass und dazu noch ein ordentliches Gitarrensolo. So passt es.

Das darauf folgende „Motörhead“ ist keineswegs eine Hommage an Lemmy Kilminster, sondern ein Titel der Band, in der er vorher spielte, Hawkwind. Ein Cover also. Folgerichtig wird Primal Scream hier wieder zur rotzigen Rockband, mit reichlich Verzerrung, Industrialbeat und einer etwas zu generösen Portion Krach und White Noise. Ein klein bisschen weniger krachvermüllt und das Stück wäre richtig unterhaltsam fetter Rock’n’Roll. Ach ja, ein sinnvolleres Ende wäre auch noch nett gewesen.

„Trainspotting“ stammt hingegen tatsächlich von Soundtrack des legendären Films und profitiert deutlich von einer großartigen Bassline von Gary Mounfield, einem wirklich feinen Gitarrenriff und cleveren Trip Hop Drums. Extrem lässiges Teil, ohne Frage. Und wenn man mich fragt auch der perfekte Abschluss für dieses Album. Aber klar, mich fragt man nicht, und so kommt noch „Long Life“. Gut, kann man auch machen – schwer verhallte Gitarren, dubbige Atmosphäre, natürlich wieder schwer psychedelisch gefärbt, und Bobby kommt wieder vorbei, singt schief und krumm und unnötig optimistisch in einer ansonsten eher surreal-melancholischen Atmosphäre.

Es ist schon gut, dass Primal Scream mit „Vanishing Point“ wieder zu der Band wurden, die sie zu „Screamadelica“ waren, und dass sie das Konzept bei diesem Album mit ein paar düsteren Noten bereichert haben. Da sind alle wieder froh – Fans, Kritiker, und die Band bestimmt auch. Nur bei den Texten sträuben sich immer noch die Haare. Aber irgendwas zum Meckern braucht man ja schließlich auch.

PRIMAL SCREAM – VANISHING POINT – CREATION RECORDS – 487538 1 – 7/10

 

 

 

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