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Das Meer in dir

Die Welt der elektronischen Musik ist bisweilen auch nicht so viel anders als die des Pop oder Rock, genau betrachtet. Manche Künstler gelten einfach grundsätzlich als Referenz, als Helden, erhaben und quasi per Definition immer gut. Da können die auch mal ein Jahrzehnt lang Sachen machen, die außer alt eingesessenen Fans niemanden interessieren, aber am Denkmal rüttelt man nicht. Springsteen. Wenn der morgen das Lied von Wum und Wendelin neu aufnimmt, sind alle voller Ehrfurcht.

Das gleiche gilt, eben auf der elektronischen Seite des musikalischen Entertainments, für Boards of Canada. Da geht eigentlich schon lange nicht mehr wirklich etwas voran, aber wenn du da mal sagst, hey die neue BoC ist echt müde, dann musst du aufpassen, dass dich nicht gleich ein paar Fans vierteilen. Dabei gibt es durchaus Leute, die in der Lage sind, ähnlich spannende Musik zu machen. Kel McKeown zum Beispiel, besser bekannt unter den Namen Kelpe.

Während sich Boards of Canada eigentlich immer der gleichen Welt elektronisch nostalgifizierter Sounds distanzierter Wehmut widmen, gibt Kelpe auf „Sea Inside Body“ der ganzen Sache einen etwas frischeren, nahbareren, verspielteren Anstrich. Eigenwillige Samples, schwurbelnde Synthesizer, minimale Melodien, jede Menge Ambient Elemente – die Zutatenlisten sind fast identisch, die Resultate nur bedingt.

„Ice Cream Knife Handle“ gleich am Anfang der LP zum Beispiel – im Bezug auf die Synthesizer Sounds durchaus BoC Nähe, aber der Beat ist dann doch zwingender, präsenter, etwas deutlicher auf den Groove schielend. Klar, bevor es zu sehr Dancefloor Charakter bekommt, geht man auch gern mal ganz raus aus dem Beat und lässt die Synths wabern, im Grunde aber geht Kelpe merklich schwungvoller an die Arbeit, und lässt ein wenig mehr Sonne rein.

Gut so, klar – hier wird nicht kopiert, hier wird eine ganz eigene kleine Welt konstruiert. „Sickly Situation“ häckselt ein paar Samples über trockene Beats, lässt es im Hintergrund knistern und rauschen, gibt ne eher schräge Bassline und nimmt zwischendurch den Beat so auseinander, dass der Titel fast zum Programm wird. In „Nat’s Twirly Mug“ eröffnet ein kleines elektronisches Glockenspiel, das dann erneut von trickreichen Beat Tracks begleitet wird. Was Kel McKeown einfach richtig gut drauf hat: mit verschiedenen Synthesizer Sounds auf unterschiedlichen Ebenen Themen miteinander spielen zu lassen, sich abwechselnd und ineinandergreifend – es wird nie langweilig und ist immer wirklich exzellent produziert.

„Age Sculpture“ ist ein weiteres schönes Beispiel – feine Syntharbeit, lebhafte Beats, nette Melodien. Nur wird hier der eine etwas beklagenswertere Punkt dieses Albums deutlich, denn irgendwann bei der Entstehung des Albums muss der gute Kel auf die etwas seltsame Idee gekommen sein, ein paar weibliche britische Teenager bei ihren Unterhaltungen zu belauschen und die aufgenommenen Gespräche ins Album einzubauen. In diesem Stück größtenteils verfremded, aber in manchem Intermezzo kommen dann so wenig tiefgreifende Statements zu Tage wie „Ich kann es kaum erwarten, 16 zu werden“ oder „Früher haben wir uns Bier und Pizza bestellt, heute koche ich lieber“. Die Banalität in ihrer unkommentiert verwendeten Form passt einfach nicht zum hohen musikalischen Niveau des Albums.

Aber größtenteils sind die Teenies ja still, wie in „Keep Danger“, das erneut kunstvoll konstruierte Drums mit weit ausladenden Synth Themen koppelt und dank einer dynamischen Bassline auch mal mit fast treibendem Tempo aufwartet. „Overland But Underwater“ ist ein kleines melodisches Einod auf sattem Elektrobeat, „Grappling Hook“ knarzt und rumpelt zwischendurch recht beschwerlich, und „Knock, Turn“ setzt aus verzerrten Xylophon Sounds eine geloopte Basismelodie zusammen, auf der mit Sounds und Effekten gespielt wird – bei Kelpe ist immer was los.

Das schöne daran ist, dass es in diesen kunstvoll zusammengestellten Klangräumen immer etwas zu entdecken gibt. Kleine Geräusche oder Melodieansätze, feine Harmoniewechsel, ein paar eingestreute Sounds – auch das trägt viel zum Liebreiz des Albums bei. Allenfalls hätte Kelpe hier und da ein wenig kondensieren können – kurze Zwischenspiele wie „Care Of Presto Mini“ oder die erwähnten Girlie-Zitate tragen zumindest nicht zu konzeptioneller Klarheit bei.

Das (mehr oder weniger) Titelstück „There’s A Sea In Your Body“ wagt viel schräge Sounds und Harmonien, lässt den Beat schwer elektronisch schwappen – fast hat man das Gefühl, dass all das Wasser in unserem Körper sich vereinigt hat und als blubbernde Blase im Inneren für seltsame Geräusche sorgt. „Sylvania“ führt das Spiel mit fordernden Beats und schrägen Harmonien noch mal etwas konzentrierter fort und „Petrified“ lässt uns mit leicht vereiertem Glockenspiel dann doch wieder an Boards of Canada denken, hier sogar inklusive melancholischer Grundstimmung. Ist aber okay, weil wirklich gut.

Doof, dass dann zum Abschluss noch einmal die Banalität übernimmt – eine 50jährige erzählt davon, wie sie sich fühlt, in ihrem Leben, und dass sie jetzt zu malen angefangen hätte. Manchmal fühle sie sich ein wenig isoliert, sagt sie. Vor allem wenn es regnet. Aaaah ja… können wir da nur sagen. Und bestätigen, dass die Frau wie ihre anderen Geschlechtsgenossinnen recht isoliert lebt auf dieser Platte, die ansonsten wirklich viel Qualität hat. Muss ja nicht immer Boards of Canada sein. Kelpe kann’s auch.

KELPE – SEA INSIDE BODY – D. C. RECORDINGS – DC 53 LP – 7/10

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